aus der Kunst

 

> Um unabhängig, selbstständig agieren zu können, müssen Abhängigkeiten, welche zum Beispiel durch Schulden entstehen, überwunden werden.

< Worauf wollen Sie hinaus? Dass ich endlich mein BaföG zurückzahlen soll? Oder werden wir über die These diskutieren, Schulden müssten nur negiert, besser noch schlicht ignoriert werden, um sich aufzulösen1?

> Hahaha! Du liest zu viel!

< Hörbuch.

> Worauf ich hinaus will, ist eine schwarze Null.

< Rassist!

> Du glaubst, wohl auch, der Clown sei die wichtigste Mahlzeit am Tag2! Ich, für meinen Teil, bin fasziniert von den Fähigkeiten eines Staates, der undankbare Aufgaben an Profis delegiert und trotzdem spart!

< Ich bin fasziniert von Ihrer Fähigkeit, den Ausverkauf der eigenen Geltungshoheit, als lobenswertes Verfahren wertzuschätzen.

> Ist es nicht legitim, wichtige Aufgaben an Profis zu vergeben?

< Ist es nicht fahrlässig mit den Aufgaben auch die Sache an sich, oder zumindest die Entscheidungsgewalt abzugeben?

> Ich bin prinzipiell gegen Gewalt.

< Braucht Gewaltprevention nicht klare Regeln inklusive definierter Konsequenzen bei Verstoß gegen bestehende Grenzen?

> Ohje! Wo soll ich denn da nur anfangen?! Ersteinmal: Grenzen sind nun nicht unbedingt ein zeitgemäßes Bild für Gewaltfreiheit. Und dann: Wer glaubt, Regeln würden für Sicherheit sorgen, wünscht sich wohl einen Polizeistaat?

< Setzen Sie Freiheit mit Unsicherheit gleich?

> Sicherheit und Freiheit schließen einander aus!

< Das ist nicht wahr! Es gibt verschiedene Stufen von Freiheit. In einem gewissen Rahmen frei zu sein kann beruhigen. Menschen neigen zum Wunsch nach Sicherheit. Wird der Rahmen so groß, dass Freiheit in Vogelfreisein umschlägt, schaffen Menschen sich ein Sicherheitsgefühl durch die Unterjochung anderer Menschen. Dann begründen sie die Unfreiheit mit der eigenen Freiheit.

> Na,na,na! Verallgemeiner hier mal nicht so stark. Das ist ja vollkommen unglaubwürdig! Du legitimierst hier Diktaturen, Polizei- und Überwachungsstaaten mit der Unfähigkeit der Menschheit im Allgemeinen mit Freiheit umzugehen!

< Ich behaupte frei genug zu sein, hier nichts legitimieren zu müssen.

> Aha! Erst Ungeheuerlichkeiten verbreiten und Rückzieher machen, wenn es konkret wird. Deshalb untersuche ich Phänomen und Prinzip der schwarzen Null. Das ist etwas konkretes.

< konkret. Der Sozialstaat wird abgebaut.

> Dann hätte es ja wohl einen ries‘en Aufruhr gegeben!

< Hat es. Allerdings nicht in Form von Demonstrationszügen und Unterschriftenlisten, sondern einem Anstieg ehrenamtlicher Arbeit. Ehrenamt fürs Vaterland. Zwar gibt es keinen Zivildienst mehr, dafür aber einen zivilen Dienst im Sinn der Menschlichkeit. Menschen kompensieren in ihrer Freizeit die Vernachlässigung des Sozialwesens auf eigene Kosten.

> Zu unserem, im Übrigen äußerst intakten und nachahmungswürdigen, Sozialsystem gehört, dass die Menschen für einander da sind. Das geschieht nicht auf eigene Kosten, sondern wird – unter anderem staatlich – finanziell und strukturell gefördert.

< Förderungen sind immer anteilig. Selbst die umfangreichen Finanzierungen gehen von bestehenden Strukturen aus, weshalb zum Beispiel die Antragsentwicklung und -stellung fast nie in der Förderung inbegriffen sind. Andererseits soll kein paralleler Arbeitsmarkt geschaffen werden, was immer eine Minimalentlohnung, Eigenanteile und Ehrenamt mit einschließt. Indirekte Selbstausbeutung um des Intaktseins des Sozialwesens wegen.

> Bei Freiwilligkeit kann wohl kaum von Ausbeutung gesprochen werden!

< Wenn Ausbeutung einen nicht-nachhaltigen Umgang mit Ressourcen bedeutet, sollten wir in diesem Zusammenhang wohl eher überprüfen, wie freiwillig die Entscheidung für das Ehrenamt oder das prekäre Arbeitsverhältnis tatsächlich ist.

> Weshalb sollte sich irgend jemand für ein prekäres Arbeitsverhältnis entscheiden?

< Genau. Wenn sich alle freiwillig entscheiden könnten, gäbe es kein Prekariat.

> Du springst in den Schlussfolgerungen als gäbe es kein Morgen.

< Ein heute&morgen ist, worum wir streiten.

> Mich lässt die Prekariatsfrage nicht los.

< Dann haben wir ja bereits etwas bewirkt.

> Du stößst mich in einen Zustand psychischen Unwohlseins, ohne mir eine Möglichkeit einzuräumen, dort wieder rauszukommen! Das ist eine unzumutbare Grausamkeit und keinesfalls gerechtfertigt.

< Sie werfen mir vor, sich bei dem Gedanken an das Unwohl anderer Menschen unwohl zu fühlen. Das nennt sich Empathie und ist eine der Grundvoraussetzungen für gesellschaftliches Zusammenleben.

> In meiner jetzigen Stimmung bin ich eher schlechte Gesellschaft.

< Ein Miteinander ohne Auseinandersetzung ist ein Nebeneinanderher.

> Plattitüden bringen uns nicht weiter.

< Mag sein. Fühlen Sie sich besser?

> Besser als wann?

< Wann fühlen Sie sich gut?

> Es geht mir gut, wenn ich in Frieden gelassen werde.

< Erfordert Frieden nicht einen aktiven Einsatz?

> Und wieder vermengst du die Dinge – verwurstests sie! Das Gegenteil von Kriegseinsatz ist nicht Friedenseinsatz.

< Aber Frieden passiert auch nicht einfach, sondern lebt von der praktizierten Akzeptanz, welche Resultat der Anerkennung von Gleichwertigkeit unterschiedlicher Ansichten ist.

> Deine Faszination, für die Bedeutungsverkehrung durch Wortkombinationen macht es mir wahnsinnig schwer, in zielführende Gespräche mit dir zu gehen.

< Wohin soll denn die Reise gehen, da Sie doch wissen, dass ich mich nur in Ausnahmefällen führen lasse.

> Ich will dich nicht führen.

< Sie wollen meine Zustimmung und somit meine Meinung führen.

> Das stimmt nicht. Warum willst du mit mir streiten, obwohl ich doch Recht habe?

< Ich habe auch Recht. Aber ein Recht worauf?

> Ein Grundrecht auf Unantastbarkeit deiner Menschenwürde, zum Beispiel.

< Gelte das für alle Menschen, würde unsere Welt sich mit einer vollkommen anderen Palette an Problemen herumschlagen müssen, als es aktuell der Fall ist.

> Eine gewisse Eigenverantwortung am Erhalt der eigenen Würde, obliegt jedem Einzelnen. Durch unsere aktuelle Form von visuellen Medien vergessen wir das nur häufig. Wann wurde Opfersein zum Rollenmodell?

< Wenn es das Leid der Betroffenen lindert, finde ich es legitim.

> Niemands Leid wird verringert, indem seine Gesellschaft, statt ihn zu schützen, ihm – oder ihr, wo wir gerade ein wenig beim Thema sind – das Prädikat „Opfer“ verleiht. Hingegen ist es ein weiterer Akt der Ungerechtigkeit, nicht gegen das erste Unrecht und den oder die Täter anzugehen, sondern einen Menschen in die, auch für die Zukunft vorgeschriebene Handlungsunfähigkeit eines ewigen Opfers zu drängen. Ein Mittel, es anders zu machen, wäre die Handreiche der Möglichkeiten sich zu wehren. Ein Opfer bleibt in einer Form der Abhängigkeit.

< Das ist ein, für mich, unerwartetes Statement von einem Verfechter der schwarzen Null. Wobei ich nicht gegen den Abbau von Schulden und Neuverschuldung stehe, sondern gegen den Abbau eines Sozialstaates.

> Ich dachte, dieses Thema wäre endlich einmal durch.

< Wie denn? Wir haben ja noch nichts geklärt!

> Wir zwei beide sind überhaupt nicht in der Position hier irgendetwas zu klären.

< Opfer.

> Das ist nun wirklich keine Diskussionsgrundlage.

< Worum geht es überhaupt? Solange Zuständigkeiten nicht wechseln können, weil damit Strukturen zusammenbrächen, handelt es sich um hierarchische Machtstrukturen.

> Womit wir wieder bei Abhängigkeiten wären.

< Das Problem bleibt doch eher im Maß bestehen. Vertrauen, Verlässlichkeit, Verantwortung – das alles ist verbunden mit einem Anteil Abhängigkeit. Deshalb ist unser Sicherheitsbedürfnis ja auch ein zweischneidiges Schwert.

> Wir drehen uns.

< Auch das ist ein Strukturproblem.

> Woher kommt das Auch in diesem Satz?

< Wir haben auf vielen Ebenen falsche Strukturen wenn es um menschliches Wohl gehen soll. Das liegt daran, dass wir als Menschen und gesamtgesellschaftlich glauben, auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten, bewusst oder unbewusst andere Ziele verfolgen. Dementsprechend erreichen wir beides nicht.

> Obwohl sich dieser Punkt ja wohl geändert hat. Heute können Ziele erreicht werden obwohl das Gegenteil vorgegeben wird. Häufig ist das sogar der effizientere Weg.

< Auch wenn ich das unverhoffte Gefühl gleicher Meinung habe, wäre an dieser Stelle ein Beispiel toll.

> Sagen wir, du möchtest die Wirtschaft ankurbeln

< Oh, Gott! Ich ahne furchtbares.

> zu deinen Aufgaben gehört aber, Chancengleichheit herzustellen und zu erhalten

< Männer und Frauen, arm und reich, bildungsfern und akademisch, körperlich eingeschränkt und

> genau. Du bist jetzt zwar schon an einem anderen Punkt, aber binäre Wertesysteme sind eine Hauptachse des Erfolgs: nur wenn Scheitern alles beschreibt, was nicht Normvorstellungen entspricht, nimmt dir jemand ab, dass es so etwas wie Alternativlosigkeit überhaupt gibt, obwohl „entweder-oder“ bereits eine Alternative bietet.

< Ich brauche Alternativlosigkeit um Ziele zu erreichen, deren Gegenteil erreichen zu wollen ich vorgebe.

> Ja, sonst glaubt ja niemand, dass es nicht anders ging – die einzige Möglichkeit war und du nun wirklich nicht belangt werden kannst.

< Optionen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.

> Kein attestiert geistig Gesunder.

< Gesundheit wird wieder attestiert?

> Chancengleichheit ist herkömmlich wirtschaftlich aber nicht herzustellen, da zum Beispiel in ländlichen Regionen viel weniger Menschen von kulturellem Angebot profitieren dafür zahlen – da ja weniger da sind als in Ballungsgebieten. Die Unterhaltungskosten sind aber ähnliche. Es ist daher eine soziale Aufgabe. Mit sozialem Geld zu machen ist unser Null-Thema: Ersteinmal lassen wir die Schwimmhalle von einem Unternehmen in der Region finanzieren – der Chef ist vier Jahre vor der Rente und macht das aus nostalgischen Gründen und für seine Enkel.

< und dann? Nach vier Jahren oder wenn seine Enkel groß sind, oder die Kinder wegziehen, weil an einem Ort, an dem die städtischen Aufgaben an Wirtschaft und Privat abgegeben werden doch auch Arbeitsplätze und das gesamte Angebot rückläufig sind.

> Was ist denn demokratischer als dass die Menschen vor Ort das gesellschaftliche Miteinander gestalten? Und ab dem Zeitpunkt des Verkaufs ist es nicht mehr dein Problem.

< Wie kurbelt das nun die Wirtschaft an?

> Kaufwille entsteht nicht nur durch direkten, sondern auch indirekten Bedarf. Wenn die Leute

< Bis eben waren es noch Menschen.

> jetzt aber nicht mehr. Wenn die Leute mit sich im Reinen sind, konsumieren sie weniger. Je mehr Leere gefühlt wird, umso stärker wächst der Bedarf nach Unterhaltung und Konsum – der Wunsch es sich schön zu machen muss dafür entkoppelt werden von den Möglichkeiten, dies ohne Konsum zu tun.

< Ich will in soeiner Welt nicht leben.

> Die Pharmaindustrie schon, ebenso alle Firmen, die saisonal komplette neue Serien Geschirr für den Gedeckten Tisch herausbringen, oder Schuhe, Schmuck, Kleidung, Taschen, Kosmetika, Zierkissenbezüge, Dekorationen. Firmen, die darauf setzen, dass spätestens alle zwei Jahre ein neues Smartphone, ein größerer Bildschirm gebraucht wird. Was geschieht mit diesen Menschen und ihren Arbeitsplätzen in Produktion, Transport, Vertrieb, Werbung, Trendmagazinen, wenn der Drang der Leute, etwas zu verändern und die Änderung in die eigene Hand zu nehmen verebbt?

< Warum sprechen wir jetzt wieder von Menschen?

> Ist das eine rhetorische Frage?

< Ja, denn ich will nicht wahrhaben, dass ich als Konsument nicht zähle – beziehungsweise maximal eine Zahl bedeute, während ich als Initiator oder Verwalter plötzlich Mensch in gefährdeter Position, kurz vor dem Opfer-Status bin.

> Dafür danke ich dir.

< Wenn das eine Anspielung auf meine Eigenverantwortlichkeit als Kunde und Konsument sein soll, finde ich es nicht fair! Ich sehe mich auf allen Ebenen meines Lebens mit einem Maß an Eigenverantwortung konfrontiert, dass ich verhungern oder immer nackt rumlaufen müsste, wenn ich mich gewissenhaft mit einem der beiden Themen auseinandersetzte.

> Willkommen im binären System, du große Menge an ignoranten Konsumenten, die du nicht der arme ProduzentMensch bist.

< Ich bin sprachlos.

> Du sagst es.

< Warum nehmen Sie die Sache nicht ernst?

> Bitte?

< Klamauk und Polemik lösen unsere Probleme nicht!

> Und ob. In Maßen angewandt helfen sie, Abstand zu überemotionalen Sichtweisen zu gewinnen und wieder rational zu werden.

< also Dada.

> Na, keinesfalls Hierhier! Das führt zu Ehrenamt.

1Marc-Uwe Kling, Die Känguru-Chroniken

2Wizo (Rostock, 1.Feb.2019)

Rico. , März 2019