2019

Verbunden mit der Nominierung für den Nachwuchskunstpreis für bildende Kunst Mecklenburg-Vorpommern 2018 war eine Ausstellungsbeteiligung samt Begleitkatalog - "Hier & Jetzt" 2019 im Mecklenburgischen Künsterhaus Schloss Plüschow. Für besagten Katalog schrieb Kunsthistorikerin Dr. des. Christina May folgenden Text über mich und meine Arbeit(sweise) :

Ricos. Arbeiten berühren verschiedene Medien, befinden sich zwischen Zeichnung und Installation, Malerei und Graffito oder Objektkunst und Neuen Medien. Diese genreübergreifende Arbeitsweise ist Grundlage ihrer künstlerischen Methode, denn
Rico.s durchgängiges Konzept ist die Umformulierung von Themen, Stoffen und Motiven in alternative Materialien. Mit jeder Übersetzung in eine andere Form entsteht etwas Neues; die bloße Substitution des einen Materials durch ein anderes ist nicht möglich.
Nach diesem Prinzip wird beispielsweise handgeschriebener Text solange überlagert, bis er zur Malerei wird. Diese wird übermalt und dient schließlich als blättriger Grund für einen Schriftzug: „Ein demokratischer Prozess hat stattgefunden.“
In Crivitz wird ein Text aus alltäglich erscheinenden Sätzen in einem Wahlkreisbüro auf den Wänden platziert. Das Publikum ist zur Lektüre aufgefordert und schreitet die vielen Blätter mit den einzelnen Sätzen ab. Die Erwartung einer konventionellen
Kunstausstellung wird untergraben: Die Texte reflektieren die Rezeption der Besucher und regen gedankliche und auch verbale Dialoge an.
Neben den Texten spielt das Material selbst eine bedeutsame Rolle: Aus scheinbar wertlosen Gebrauchsmaterialien werden Objekte zusammengefügt und mit verschiedenen Farben oder anderen zähflüssigen Stoffen Synthesen gebildet.
Plastikfolien werden zu transparenten Körpern, die an farbiges Glas erinnern. Die Auseinandersetzung mit dem Dreidimensionalen verweist – bei aller Materialvielfalt – auf Rico.s ursprüngliches künstlerisches Genre.
Ausgebildet wurde Rico. zunächst als Glasbildnerin an der Glasfachschule Zwiesel.
Bereits dort war die Möglichkeit attraktiv, verschiedene Materialien auszuprobieren.
Das Studium der Freien Kunst war daher die konsequente Fortsetzung ihres experimentellen Gestaltungsansatzes. Mit dem Schwerpunkt Glas studierte Rico. daher am Institut für Künstlerische Keramik und Glas Höhr-Grenzhausen der
Hochschule Koblenz. Geboren in Neustrelitz, lebt Rico. heute wieder in Neubrandenburg.
Glas verwendet Rico. inzwischen nur noch selten, da es fest und für die Ewigkeit gedacht ist. Damit steht es ihrer prozessualen Arbeitsweise entgegen. Rico. fertigt sogenannte „Materialporträts“ an, auf der experimentellen Suche nach dem
jeweiligen spezifischen Verhalten und Formen. Sie überträgt Formen und Eigenschaften des einen Materials auf ein anderes. Dadurch ähneln sich die einzelnen Objekte aus Wachs, Glas, Ton oder Gips zwar, doch entsteht mit jedem Material eine eigene, besondere Form. Dieses Vorgehen setzt sie in abstrakter Druckgrafik, Malerei oder auch mit Fotografien fort, die wiederum an Farbfeldmalerei erinnern.
Der abstrakte Kompositionsprozess der Materialexperimente besitzt seine Entsprechung in erzählerischen, oftmals politischen oder intim persönlichen Narrativen. In ihren Übersetzungsprozess erhalten die Dinge und Gedanken, ebenso wie Phänomene oder Ereignisse eine neue Gestalt und entfalten damit neue Wahrnehmungsmöglichkeiten.
Die Arbeiten werden oftmals durch die konkreten Ausstellungsorte geprägt und speziell für diese entwickelt. Dabei spielen auch physische Belastungen für die Werke eine Rolle. Feuchtigkeit, beengte Flure oder unebene Wände wirken sich auf die Präsentation und auf die Kunst selbst aus. Rico. treibt dabei konsequent ihr Thema von Übersetzungen und Neuformulierungen weiter, wenn die originären künstlerischen Arbeiten nicht mehr physisch anwesend sind, sondern nur noch digital, durch stellvertretende QR-Codes vermittelt werden.
Die Besonderheiten der Orte sind aber nicht nur eine formale Herausforderung. Auch inhaltlich geht Rico. auf die Spuren und Geschichten der Räume ein und verweist auf Erzählerisches. Für die Nervenheilanstalt Domjüch entwickelte sie zum Beispiel geisterhaft weiße Figuren aus Butterbrotpapier. Die transparenten Papierschichten wurden im Gegenlicht durchleuchtet. Die kopflosen Gestalten sind schemenhaft als vereinfachte, comicartige Körper entworfen. Durch diese Überzeichnung erscheinen sie neutral und keineswegs abschreckend oder gar auf Traumata verweisend.
Humor dient bei den Installationen in Domjüch und bei vielen weiteren Werken Rico.s dazu, die Ernsthaftigkeit eines Themas in einer noch erträglichen Form zu vermitteln.
Die Überzeichnungen – ob mit Comicelementen oder Wortwitzen – sorgen dafür, dass ihre gesellschaftskritischen, deklamatorischen Sätze nicht zur Propaganda werden. Die intimen Einblicke bewahren durch die Karikatur die persönliche Distanz.
Die multiplen Realitätsebenen der Werke schließen auch das ironische Augenzwinkern ein.