2021
Für den Katalog zur Solo-Ausstellung "Sie befinden sich hier." in der Kunstsammlung Neubrandenburg schrieb Kunsthistorikerin Dr. Christina May folgenden Text über mich und meine Arbeit(sweise) :
Dr. Christina Katharina May
Relationen – Lagebestimmung als künstlerische Praxis
Der Titel der Ausstellung „Sie befinden sich hier.“ verortet das Publikum umgehend. Höflich und förmlich angesprochen, werden die Besucher*innen orientiert. Sowohl der Ort „hier“ als auch die Person „Sie“ sind indexikalische Ausdrücke und funktionieren nur in Beziehung mit tatsächlich Anwesenden. Je nach Zeitpunkt verändern sich diese Relationen. Sie befinden sich zwar „hier“ sind aber fluide und im stetigen Prozess begriffen. Diese Abhängigkeit von Zeit ist ein Aspekt, der sich in verschiedenen Themen, Formen und Medien in Rico.s Arbeiten nahezu durchgängig wiederfinden lässt. Installationen laden zu Handlungen ein und zum Einander-in-Beziehung-Setzen. Objekte und Bilder zeugen oftmals als Spuren oder Ideenskizzen von vorangegangenen Handlungen.
Gleich im ersten Raum sind Bewegungsprozesse das zentrale Thema, das die Künstlerin als unterwegs zusammenfasst: Die Light-Paintings zeigen Spuren aus Licht. Die Fotografien sind aus dem fahrenden Auto in Langzeitbelichtung aufgenommen, dabei führte und drehte die Fotografin die Kamera in verschiedene Richtungen. Malerische Gesten entstehen dadurch, die an Verfahren des abstrakten Expressionismus erinnern. Der Realitätsbezug der Fotografie verbindet die subjektiven Gesten mit dem räumlichen Kontext der Entstehung, der Landschaftserfahrung während der Autofahrt.
Ganz anders erscheint die Reihe Rubber & Pin: Es handelt sich um Experimentalaufbauten, in denen zwei verschiedenartige Objekte wie scharfe Nadeln und weiche Radiergummi in einem Objektrahmen aufeinandertreffen. Mithilfe verschiedener Gesten des Drehens oder Rüttelns erzeugte die Künstlerin jeweils andere Spuren durch die aleatorische Begegnung der Materialien. Radiergummi und Pins auf Kohlepapier hinterlassen Ritzen, Löcher oder Abdrücke. Was einfach erscheint, ist komplex durchdacht und gründet bei Rico. in einer langjährigen Auseinandersetzung mit Medien, Materialien und Prozessen. Ausgebildet wurde Rico. zunächst als Glasbildnerin an der Glasfachschule Zwiesel und studierte im Anschluss im Materialfeld Glas am Institut für Künstlerische Keramik und Glas Höhr-Grenzhausen der Hochschule Koblenz. Mit Glas arbeitet sie heute nur noch selten. Vielmehr übersetzt sie Formen und Eigenschaften eines Materials oder Mediums in anderes und untersucht die die jeweils spezifischen Verhaltensweisen. Materialien sind dabei plastische Werkstoffe oder Objekte sowie bildgebende Verfahren wie Druckgrafik, Malerei oder Fotografien. Aber auch Text wird in Form von Schrift physisch und räumlich übersetzt und plastisch modelliert. Im Sinne einer „freien“ Kunst überschreitet die Künstlerin transdisziplinär die konventionellen Gattungsgrenzen.
Diese formale Auseinandersetzung mit Begegnungen reflektiert sie für soziale Interaktionen: Die Installation vibes aus zwei Holzstühlen, Metallplatten auf dem Boden korrespondiert mit den zwei an die Wand gehängten Makrolonplatten des Scrittos gone mit den Ritzungen „NO MORE POLITICS!“ und, auf der anderen Platte, „SIE SIND GEGANGEN“. Vibes steht unmittelbar vor dem Durchgang in den nächsten Raum, so dass die Betrachter*innen die Schwelle der Metallplatten passieren müssen, wenn sie die Tür nutzen möchten. Die Stühle fordern die Besucher*innen auf Platz zu nehmen. Ihre Bewegungen lassen die Bodenplatten vibrieren. Der Dialog wird damit sowohl mit der Positionierung der einander zugewandten Stühle angedeutet als auch latent über die Schwingungen des Bodens geführt. Inwiefern Kommunikation möglich ist, hinterfragen die Scrittos: „NO MORE POLITICS!“ erscheint bereits als Hinweis auf etwas Abwesendes, das unausgesprochen im Raum schwebt. Ergänzt um das vieldeutige „SIE SIND GEGANGEN“ werden Stichpunkte für eine vage Erzählung aufgerufen. Das Stuhlarrangement auf Metall kann dabei als Bühne oder Schwelle funktionieren und bildet in beiden Fällen einen Resonanzraum, der eine Form für gesellschaftliche Fragestellungen sucht.
Eine Übersetzung des Dialogs spiegelt sich in Ruß wider. Zwei Papiere sind in einer Stellage montiert. Im Trocknungsprozess verbinden sich Tusche und Papier und sorgen nicht nur grafisch für Schwarz-Weiß-Kontraste, sondern reagieren plastisch mit ihren spezifischen Materialeigenschaften aufeinander. In den terrarienartigen Glasboxen der Arbeit -inter scheint in einem geschlossenen System eine Permakultur lebendig geworden zu sein. Die Werke in diesem Raum thematisieren die Übergänge von Aggregatzuständen, Transformationsprozesse flüssiger und fester Stoffe.
Die fotografierten Un-Orte der Serie nirgends/now here im Raum nebenan zeigen vielfältige Formen eines Dazwischens. Teils sind sie vernakuläre Bauten, geschaffen aus funktionalen Lösungen, Übriggebliebenem oder alltägliche Zufallsbegegnungen von Dingen. Leerstellen und Zwischenräume, die in ihrer Undefiniertheit latent beunruhigen. Der Verweis auf Ort und Zeit bleibt daher unkonkret und verweist auf das subjektive Moment der Beobachtung.
Eine Aufhebung des Dazwischens – der sich auflösenden Körper oder des Zwischen-den-Stühlen-Stehens – untersucht ein Mapping zum Thema „Grenze“. Auf einer großformatigen, fiktiven Landkarte finden sich topographische und psychosoziale Begriffe zur näheren Definition. Die Grenze ist formal notwendig, um sowohl zeichnerisch als auch gedanklich zwischen Subjekten und Anderem zu unterscheiden. Ein klares rastern, wie der Titel verspricht, findet sich zwischen den mäandrierenden Linien und schraffierten Flächen nicht. Vielmehr wird der Aushandlungsprozess sichtbar.
Diese Auseinandersetzung mit dem Medientransfer und die Reflexion über den damit verbundenen Bedeutungswandel zeigt sich schließlich in einem Medium, mit dem Rico. sich seit langem auseinandersetzt, in der Sprache und Schrift. Die Installation ana Regenschirm greift auf KI-Übersetzungen von japanischen Videodokumentationen über traditionelles Handwerk zurück. Die künstlichen Transkriptionen, gesammelt in einem verschlossenen, handgebundenen Buch, entwickeln eine dadaistische, eigenwillige Poesie. Sie stellen die Frage nach dem Wert von kulturellen Schöpfungen, die hier eine mehr-als-menschliche Dimension erreichen und traditionelle Bewahrung mit hybriden Zukunftstechnologien kombinieren. Das geschlossene Werk, das für ein Publikum in seiner musealen Konservierung nicht mehr zu benutzen ist, steht einem lebendigen Kommunikationsprozess gegenüber. Dieser ist in Rico.s Werk immer eine Kollaboration vielfältiger Akteur*innen: den Materialien, der Technik, dem Publikum, den räumlichen Konstellationen und schließlich der Künstlerin selbst, die alle in Beziehungen zu setzen sucht. Sie befinden sich hier initiiert ein Nachdenken darüber, wer und was alles zum „hier“ gehört und rührt an den subjektiven Grenzen des „Sie“ als unmittelbar angesprochene Person – also an mir selbst als Betrachterin, die sich durch die Ausstellung bewegt.
2021
Verbunden mit der Nominierung für den Nachwuchskunstpreis für bildende Kunst Mecklenburg-Vorpommern 2020 war eine Ausstellungsbeteiligung samt Begleitkatalog - "Hier & Jetzt" 2021 im Mecklenburgischen Künsterhaus Schloss Plüschow. Für die Preisverleihng und den besagten Katalog schrieb Kunsthistorikerin Dr. Christina May folgenden Text über mich und meine Arbeit(sweise) :
Mikrokosmen
Rico.s künstlerische Arbeit lässt sich keinen klassischen Gattungen zuordnen. Das Transmediale ist Programm. Sie realisiert Malerei, Plastik oder Zeichnung, nutzt Sprache und Schrift und verbindet mitunter sämtlicher dieser Ausdrucksmittel in Objekten und Installationen. Auf diesen verschiedenen Ebenen entwickelt sie eine eigenständige Formensprache, die sich durch die Medienwechsel fortschreiben. Die Arbeiten folgen meistens einem Grundprinzip: Rico. entwirft experimentelle Konstellationen in einer bestimmten Umgebung mit verschiedenen Beteiligten – manchmal Menschen, mal Objekte oder auch Text.
So treffen beispielsweise in der Reihe Rubber + Pin Radiergummis und Reißzwecken innerhalb eines mit Kohlepapier beschichteten Objektrahmens aufeinander. Indem die Künstlerin den Rahmen immer wieder energisch in die gleiche Richtung stürzt, hinterlassen die beiden Objekte mit ihren sehr gegensätzlichen Eigenschaften unterschiedliche Spuren auf dem Kohlepapier. Der Rahmen dient als Miniaturarena für eine performative Untersuchung der harten kratzenden Reißzwecke und des weichen, sich einfärbenden Radiergummi.
Bei inter- kommt es zu einem Austausch zwischen verschiedenen Materialien mit der Umgebung. Zwei Gipssorten, Ton und Strümpfe befinden sich in vier Aquarien. Durch das Raumklima beginnen die Stoffe zu atmen. Flüssigkeit verdunstet, kondensiert, der Ton wird flüssig und läuft nach unten. Ein ökologischer Prozess scheint hier wie in einer Laborsituation abzulaufen. Die räumliche Umgebung spielt auch in ihrer Funktion als Erinnerungsort eine wichtige Rolle. Mit ortsbezogenen Installationen geht Rico. sensibel auf historische und soziale Kontexte ein. In dieser Auseinandersetzung mit sozialen Konstellationen werden die Betrachter:innen mitunter zu aktiven Komponenten der Arbeiten. Ihre Wahrnehmungsweisen und Vorurteile werden einbezogen, reflektiert oder an das Publikum zurückgeworfen.
Diese Wechselwirkung wird besonders in Rico.s Textarbeiten deutlich. Sprache wird zu einem Material, das verändert wird, wenn es auf eine andere Umgebung trifft. Sprache ist abhängig vom Kontext, von ihrem Ort, an dem sie performt wird. Das Abstrakte wird dabei zu einem Material, das eine Transformation unterläuft, wenn es an einem bestimmten Ort seinen Rahmen erhält.
Das Politische ist Rico.s Arbeiten inhärent, tritt in einigen von Rico.s Arbeiten sehr deutlich zu Tage. Der aufklärerische Auftrag wird tragisch-komisch gebrochen, wie beispielsweise die Dritte Säule, die 2020 im Kulturhaus Mestlin gezeigt wurde. Eingerahmt ist ein Stück Raufaser-Tapete, die schlecht tapeziert Falten wirft. Ein Bild der Kargheit angesichts des Kulturausfalls durch die Covid-19-Regelungen. Die Dritte Säule war die kulturpolitische Lösung zur Unterstützung der Künstlerinnen und Künstler, ihnen vereinfachten Zugang zur Grundsicherung zu gewähren. Dies ist sicherlich tragisch, doch die mahnende gerahmte Standard-Tapete Erfurt als ästhetischer Genuss ist so skurril, dass die Betrachter:innen eingeladen sind, sich ihre absurden Geschichten dahinter auszudenken. Die Arbeit ist damit ein theatraler Startpunkt fürs Kopfkino und trägt sicherlich bei aller Frustration auch zur Katharsis bei. Humor bricht ernsthafte Thematiken auf. Der kritische Kommentar wird mit einer sicher ausgearbeiteten formalen Lösung verbunden. Diese Ambivalenz lädt zur vielschichtigen Auseinandersetzung ein.
Die konzeptuelle Ausrichtung auf die Wechselwirkungen und Co-Autorschaft durch Dinge und menschliche Akteure umfasst auch Rico.s Produktionsweise. Seit 2017 arbeitet sie gemeinsam mit Ramona Seyfarth als Künstlerkollektiv Prinzip:Sonja. Die Arbeit im Kollektiv ist eine konsequente Weiterführung ihrer künstlerischen Verfahrensweise, in der die Wirkungen anderer Akteure eine tragende Rolle spielen.
Rico. konzipiert Mikrokosmen, die mit der Welt interagieren, von ihr beeinflusst werden und dadurch schließlich zu einer Form finden.
2019
Verbunden mit der Nominierung für den Nachwuchskunstpreis für bildende Kunst Mecklenburg-Vorpommern 2018 war eine Ausstellungsbeteiligung samt Begleitkatalog - "Hier & Jetzt" 2019 im Mecklenburgischen Künsterhaus Schloss Plüschow. Für besagten Katalog schrieb Kunsthistorikerin Dr. des. Christina May folgenden Text über mich und meine Arbeit(sweise) :
Ricos. Arbeiten berühren verschiedene Medien, befinden sich zwischen Zeichnung und Installation, Malerei und Graffito oder Objektkunst und Neuen Medien. Diese genreübergreifende Arbeitsweise ist Grundlage ihrer künstlerischen Methode, denn
Rico.s durchgängiges Konzept ist die Umformulierung von Themen, Stoffen und Motiven in alternative Materialien. Mit jeder Übersetzung in eine andere Form entsteht etwas Neues; die bloße Substitution des einen Materials durch ein anderes ist nicht möglich.
Nach diesem Prinzip wird beispielsweise handgeschriebener Text solange überlagert, bis er zur Malerei wird. Diese wird übermalt und dient schließlich als blättriger Grund für einen Schriftzug: „Ein demokratischer Prozess hat stattgefunden.“
In Crivitz wird ein Text aus alltäglich erscheinenden Sätzen in einem Wahlkreisbüro auf den Wänden platziert. Das Publikum ist zur Lektüre aufgefordert und schreitet die vielen Blätter mit den einzelnen Sätzen ab. Die Erwartung einer konventionellen
Kunstausstellung wird untergraben: Die Texte reflektieren die Rezeption der Besucher und regen gedankliche und auch verbale Dialoge an.
Neben den Texten spielt das Material selbst eine bedeutsame Rolle: Aus scheinbar wertlosen Gebrauchsmaterialien werden Objekte zusammengefügt und mit verschiedenen Farben oder anderen zähflüssigen Stoffen Synthesen gebildet.
Plastikfolien werden zu transparenten Körpern, die an farbiges Glas erinnern. Die Auseinandersetzung mit dem Dreidimensionalen verweist – bei aller Materialvielfalt – auf Rico.s ursprüngliches künstlerisches Genre.
Ausgebildet wurde Rico. zunächst als Glasbildnerin an der Glasfachschule Zwiesel.
Bereits dort war die Möglichkeit attraktiv, verschiedene Materialien auszuprobieren.
Das Studium der Freien Kunst war daher die konsequente Fortsetzung ihres experimentellen Gestaltungsansatzes. Mit dem Schwerpunkt Glas studierte Rico. daher am Institut für Künstlerische Keramik und Glas Höhr-Grenzhausen der
Hochschule Koblenz. Geboren in Neustrelitz, lebt Rico. heute wieder in Neubrandenburg.
Glas verwendet Rico. inzwischen nur noch selten, da es fest und für die Ewigkeit gedacht ist. Damit steht es ihrer prozessualen Arbeitsweise entgegen. Rico. fertigt sogenannte „Materialporträts“ an, auf der experimentellen Suche nach dem
jeweiligen spezifischen Verhalten und Formen. Sie überträgt Formen und Eigenschaften des einen Materials auf ein anderes. Dadurch ähneln sich die einzelnen Objekte aus Wachs, Glas, Ton oder Gips zwar, doch entsteht mit jedem Material eine eigene, besondere Form. Dieses Vorgehen setzt sie in abstrakter Druckgrafik, Malerei oder auch mit Fotografien fort, die wiederum an Farbfeldmalerei erinnern.
Der abstrakte Kompositionsprozess der Materialexperimente besitzt seine Entsprechung in erzählerischen, oftmals politischen oder intim persönlichen Narrativen. In ihren Übersetzungsprozess erhalten die Dinge und Gedanken, ebenso wie Phänomene oder Ereignisse eine neue Gestalt und entfalten damit neue Wahrnehmungsmöglichkeiten.
Die Arbeiten werden oftmals durch die konkreten Ausstellungsorte geprägt und speziell für diese entwickelt. Dabei spielen auch physische Belastungen für die Werke eine Rolle. Feuchtigkeit, beengte Flure oder unebene Wände wirken sich auf die Präsentation und auf die Kunst selbst aus. Rico. treibt dabei konsequent ihr Thema von Übersetzungen und Neuformulierungen weiter, wenn die originären künstlerischen Arbeiten nicht mehr physisch anwesend sind, sondern nur noch digital, durch stellvertretende QR-Codes vermittelt werden.
Die Besonderheiten der Orte sind aber nicht nur eine formale Herausforderung. Auch inhaltlich geht Rico. auf die Spuren und Geschichten der Räume ein und verweist auf Erzählerisches. Für die Nervenheilanstalt Domjüch entwickelte sie zum Beispiel geisterhaft weiße Figuren aus Butterbrotpapier. Die transparenten Papierschichten wurden im Gegenlicht durchleuchtet. Die kopflosen Gestalten sind schemenhaft als vereinfachte, comicartige Körper entworfen. Durch diese Überzeichnung erscheinen sie neutral und keineswegs abschreckend oder gar auf Traumata verweisend.
Humor dient bei den Installationen in Domjüch und bei vielen weiteren Werken Rico.s dazu, die Ernsthaftigkeit eines Themas in einer noch erträglichen Form zu vermitteln.
Die Überzeichnungen – ob mit Comicelementen oder Wortwitzen – sorgen dafür, dass ihre gesellschaftskritischen, deklamatorischen Sätze nicht zur Propaganda werden. Die intimen Einblicke bewahren durch die Karikatur die persönliche Distanz.
Die multiplen Realitätsebenen der Werke schließen auch das ironische Augenzwinkern ein.
