Theoretisches

 

Zukunft des Kapitalismus

Wenn Kapitalismus ewiges Wachstum fordert, bedeutet das doch, dass irgendwann nur noch ein Unternehmen existieren wird. Dieses muss die globalen Ressourcen, Arbeits- und Kaufkraft der Menschen, etc. in sich verwalten und vllt. noch unter seinen Tochterelementen aufteilen. Das wird dann die erste globale Volkswirtschaft - denn selbst wenn eine diktatorische Führungsspitze den Kurs angibt, sind die Abteilungen doch Staaten gleich in ihren Ausmaßen.

Dass wir uns dennoch darauf nicht freuen können ist klar. Trotzdem ist der Grundgedanke erholsam.

Rico. 2016

 

Das rechte Problem

 Wo soll ich anfangen?! In diesem Traktat geht es tatsächlich um die Frage der Thematik.

 

 Schon häufig wurde festgestellt, dass, was in Essays überzogen wirkt, häufig von der Realität übertroffen wird – Satire scheint überflüssig, da unser Alltag zum Teil in seinem Wahnsinn unsere Vorstellungskraft und unser Wahrhabenwollen schmerzlich übersteigt. Wirkt eine realistisch gemeinte Betrachtung der aktuellen Situation wie Klamauk, regt sie vielleicht nicht zum Nachdenken oder gar zum Überdenken der Handlungsweise an. Wozu also die Realität beschreiben? Vielleicht, um uns ein gemeinsames Vokabular zu erarbeiten und zu erhalten. Dieser Text hat eine kleine Vorgeschichte:

 Seit etwa einem Jahr gebe ich Wahlpflichtunterricht für eine Gesamtschule. Bei unseren Gesprächen fallen immer wieder Äußerungen wie: „Nein, ich bin nicht rechts. Nazis sind scheiße. Aber das mit den Ausländern nimmt echt Überhand.“ Wir verbringen also einen überraschend großen Teil des Unterrichts mit Gesprächen darüber, wie sie zu solchen Ansichten kommen, was sie später mit ihrem Leben anfangen wollen und was rechts zu sein überhaupt bedeutet. Auffällig dabei ist eine schleichend wachsende Akzeptanz für eine kategorische Ablehnung ganzer Bevölkerungsgruppen, Menschen mit bestimmten Berufen, Fans von anderen Fußballvereinen, Ausländern in Deutschland und Europa, Schwulen und Behinderten. Es gibt politisch korrektere Möglichkeiten diese Gruppierungen zu benennen, doch sind es die am häufigsten verwendeten Begriffe – nicht abwertender, nicht spezifizierter. Das Bild ist so oberflächlich und solide wie der Wortumfang gering.

 

 Was ist also das Thema? Für mich als freien Künstler wäre es eigentlich die Frage, warum Kunst und Kultur in unserem alltäglichen Leben einen so geringen Stellenwert einnehmen. Nach besagtem Unterricht wird mir aber häufig klar, dass vielen Schülern überhaupt nicht bewusst ist, dass etwas fehlt. Vielleicht überschätze ich die Rolle, die Kunst im Alltag einnehmen kann. Doch dann bleibt trotzdem die Frage, wie wir leben wollen – was soll aus unserem Land, aus meinem Landkreis, werden? Wer denkt und gestaltet so etwas wenn nicht die Kunst- und Kulturschaffenden. Eine Möglichkeit: die Politiker. Wenn aber die innere Akzeptanz für rechtes Gedankengut wächst, bedeutet das auch, dass die politische Entwicklung dort hinwandern wird. Wofür sind wir, wenn wir gegen rechts, gegen Ausländer im eigenen Land und gegen Andersartige sind?

 

 Es scheint viel schwieriger das rechte Problem zu finden, als es sein sollte. Vielleicht besteht es in der Frage, ob das Empfinden einer großen, politisch subventionierten Ungerechtigkeit legitim ist, und wie es demontiert werden kann, wenn dem nicht so ist. Denn dieses ohnmächtige Gefühl, verarscht und allein gelassen zu werden ist in dieser Region eine Manifestation, die nur an Gewaltigkeit verliert, wenn offen Aktion und Initiative gefordert werden. Eigeninitiative scheint hier zu Lande das Allheilmittel gegen Miteinbezogenwerden zu sein. Die Idee ist: die Ambitionierten so lange alleine laufen zu lassen, bis ihnen die Luft aus geht. [Aber die Selbstständigkeit im Sinne der Normabweichung soll Thema eines anderen Textes mit dem Titel „Vogelfrei“ sein.]

 

Rico. 2014

 

Die maßlose Suche nach der Norm

 Als Überthema für meine Arbeit in den Jahren 2009/2010 kann man den Begriff Spannung einsetzen. Die ersten Monate galten den Fragen:“Was sind Spannungen?“, „Was bewirken sie?“. Im zweiten Teil ging es hauptsächlich darum, wie Spannungen entstehen, und welche Möglichkeiten wir, außerdem Bruch, haben, mit ihnen umzugehen. Die letzte Frage scheint momentan noch uferlos. Das falsche Maß an Spannung führt zum Bruch. D.h.: überspannt sein und vollkommene Entspannung sind gleichermaßen schlecht für das Objekt (Mensch, Glas, Gesellschaft, …, oder alles andere auch) und seine Umgebung. Etwas Spannung ist nötig, um mit äußeren Einflüssen oder Extremsituationen (wie z.Bsp. Zwei nichtkompatiblen Komponenten) umgehen zu können. Doch nichts (und niemand) kann unendlich viel Spannung (/Stress/Druck/...) ab, so dass ein drastischer Spannungsabbau, ein Ausweichmanöver (Bruch, Explosion, Wutanfall) nötig wird. Wie entstehen Spannungen? Wir, als Menschen, haben Erwartungen, Ansprüche und ein Schubladen- /Stempel- System, mit welchem wir die Welt einordnen. Wir, als Energieträger, haben ein Energieniveau, welches wir möglichst erhalten oder erhöhen wollen (, zum Wohl des „Friedlebens“ aber auch verringern). Alles strebt nach Entspannung und wird somit aktiv. Wenn wir mit unpassenden Erwartungen konfrontiert werden, oder unsere Forderungen nicht erfüllt werden ( können), entstehen „negative“ Spannungen. (negativ = bruchnah) Normen sind Modeerscheinungen – ähnlich wie Konfektionsgrößen.

 

  Da es offenbar bei vielen von uns Menschen einen Hang dazu gibt, das Leben nicht komplizierter zu machen, als es ist, nutzen wir eine Art Code, um unserer Umwelt zu suggerieren, was sie von uns erwarten kann – welche Rolle wir bereit sind, einzunehmen. Nur achten wir in sehr wenigen „Alltagssituationen“ darauf! Weil wir uns [Menschen im Allgemeinen] zu wenig mit selbst- und situationsreflektierenden Analysen beschäftigen, um festzustellen warum Isel den Kaffee kocht, Ramona die Verantwortung hat, Dirk die Gipssäcke holt, und alle stillschweigend einverstanden damit sind. Etiketten – um mit der Welt klar zu kommen, müssen wir sie schematisieren: wir bauen Schubladen, verteilen Etiketten und selektieren wobei einiges sofort aussortiert und nicht genauer betrachtet wird. Somit sind momentan 11 Studenten im Bereich freie Kunst für Glas. Davon sind drei männlich, davon ist einer über 30, einer mehrfacher Vater, alle drei haben mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung … und diese statistische Aufzählung könnte beliebig weiter geführt werden. Woraus wir schließen können, dass keine Menge an Etiketten – aus welchen Schubladen wir sie auch immer holen – dem Individuum gerecht werden kann. Denn Etiketten benennen immer nur eine Beziehung, eine Gruppenzugehörigkeit oder Abnormität. Wir haben also eine Vorstellung von einer Norm, und wir richten daran unsere Ordnungssysteme aus. Doch was ist, wenn etwas nicht in unser Verständnis von der Welt, - unser Weltbild - , passt? Dann haben wir zwei grundlegende Möglichkeiten: 1. wir überdenken unser Konzept von der Realität. 2. wir verpassen Zitronen das Etikett „Kürbis“ und erwarten, dass diese widerspenstigen Objekte sich endlich einmal so verhalten, wie man es von ihnen erwartet. Häufig passiert es, dass wir die zweite Methode wählen. Das ist keine böse Absicht! Wir wissen es in diesem Moment nur nicht besser. Problematisch dabei ist, dass es uns schwer fällt, alte Bilder zu überarbeiten und wir dies fast ausschließlich in oder nach Schocksituationen tun. Die erste Methode bedeutet viel zu viel Arbeit, um sie in unserer Gesellschaftsform und mit der Fülle an neuen Begegnungen (nicht nur mit Menschen, sondern auch mit fremden Gedanken, Arbeiten, Phänomen, …) immer umzusetzen. Wir wären schlicht und einfach überfordert mit Esche, Buche, Mandarine, Undine, Akazie, Clementine, Nordmanntanne, Sommerscheibe, Naveline, Boskop, Limone, Limette, Pinie, Jonathan, Alkmene, Ulme, Pampelmuse, Maigold, Rubinie, Eiche, Birke, Erle, Zypresse, Duglasie, und nennen sie deshalb: Baum, Zitrusfrucht und Apfel. Doch all diese Etiketten (männlich/weiblich, Adresse, Alter, Beruf, Versicherung) werden niemandem gerecht und übersehen – da sie irgendwie jeden betreffen – die ausschlaggebenden Fakten, wie die angeborene Blindheit der Kundin, der wir per Telefon einen Fernseher oder ein Touchscreengerät verkaufen wollen. Um unsere Sicht auf die Realität zu verändern, müssen wir hin und wieder unsere alten Etiketten überkleben oder austauschen. Wenn der eine Apfel mir nicht schmeckt, dafür aber der andere, lerne ich ziemlich schnell, dass Boskop und Maigold zwei verschiedene „Spezialisierungen“ sind. Warum sollte ich dann nicht auch feststellen können, dass die kleinen, sauren, quitschgelben Kürbisse, deren Schale irgendwie anders ist, als die der großen, orangen Kürbisse, unter Umständen vielleicht gar keine Kürbisse sind? Sondern Birnen, Blaubeeren oder Pfifferlinge, die zufällig im Kürbisbeet wachsen!

 

  Die Arbeit „Maskenball“ ist als Verdeutlichung der Unzulänglichkeit unseres Etikettensystems entstanden: eine Art Maßband beginnt bei Formulardaten wie Name, Adresse, Nationalität, Geburtsdatum, Geburtsort, … und arbeitet sich mit sehr langsamen persönlicher werdenden Angaben in Richtung des betroffenen Objektes vor – gelangt aber nie richtig an. Es wird nie vollständig sein, oder den Kern erreichen. Kategorisierung ermöglicht uns, die Welt wahrzunehmen und zu bewältigen. Es wäre die reinste Sisyphosarbeit aus all unseren Höhlen gleichzeitig heraus kriechen zu wollen. Alles entwickelt sich weiter ( auch wenn es im Großen doch nur das Kleine ist, ) und somit sitzen wir, im Gegensatz zu Platon nicht mehr in nur einer Höhle fest und bestaunen die Schattenspiele an der Wand. Unsere Welt ist ein Tunnelsystem mit indirekter Beleuchtung geworden. Dolormin und Aspirin erleichtern unseren Weg zur Erleuchtung am Höhlenausgang und die Dolce und Gabana Sonnenbrillen aus China lassen uns gut aussehen und schützen unsere Augen vor dem grellen Licht der Scheinwerfer im Elitepartnerchatroom – denn wer will schon allein die Erleuchtung finden? Wir wandern alle kollektiv und so muss niemand zurückgehen und sich von den Stubenhockern erschlagen lassen, die es sich heimisch gemacht haben. „Ich bin ein Star und komme jetzt raus!“, muss jeder rufen, der den Höhlenausgang passiert und bekommt dann einen Begrüßungscocktail gratis. Somit versteht keiner, dass dieser heiße Magmasee nicht die Sonne ist, sondern das innerste der Höhle. Doch wenigstens werden erleuchtete nicht mehr erschlagen, sondern einfach falsch etikettiert, oder nicht beachtet. Woher soll man auch wissen, wie man sie erkennt, wenn man nicht selbst oben war und nicht weiß, worauf man achten muss.

 

Rico. 2009

 

Realität als Diskrepanz zwischen Gedankenwelt und wahrnehmbarer Aktion

-> reality as discrepancy between intellectual world and sensible action [german text]

  Die Relevanz dieses Themas liegt in seiner scheinbaren Banalität. Gesellschaftlich hantieren wir mit Begriffen wie „Wahrheit“, „Tatsache“, „Realität“, da wir glauben, uns auf einen Konsens der Bedeutung verständigt zu haben.

 

  Ebenso nehmen wir aber auch das Vorhandensein verschiedener Standpunkte wahr, sonst wäre eine Klärung der Begrifflichkeiten überflüssig. Tatsächlich sind die Definitionen der unten aufgeführten Begriffe so variabel wie ihre Quellen. Da die Definition via Duden so unkonkret ist, dass sie keine Diskussionsgrundlage ermöglicht, und auch andere Verständigungen über ihre Bedeutung ganze Bücher füllen, führe ich mein Verständnis davon als Definitionsgrundlage an.

 

Realität – Diskrepanz aus Gedankenwelt und wahrnehmbarer Aktion

Wirklichkeit – ist das, was wir Menschen als echt und auch für andere wahrnehmbar wahrnehmen. Was wir als wahr und wahrhaftig begreifen, für möglich halten, als gegebene Tatsache ansehen und als Raum, in dem wir Leben verstehen, ist Wirklichkeit.

 

  In diesem Text werden Wirklichkeit und Realität synonym verwendet. Bei der Unterscheidung bin ich darauf gekommen, dass Wirklichkeit subjektive Realität darstellt. Nach meinen Überlegungen, wie auch auf den nachfolgenden Seiten beschrieben ist, bleibt das Ausmaß an Objektivität, das benötigt wird, um Realität als etwas anderes wahrzunehmen, als Wirklichkeit, ein theoretisches Konstrukt, dessen Umsetzung folglich nicht im Vermögen menschlicher Wesen steht. Da Göttlichkeit in diesem Buch nur im Bezug auf menschliches Verhalten behandelt wird, nehme ich mir auch die Freiheit der Gleichbehandlung besagter Begrifflichkeiten.

 

Objektivität – ein Sachverhalt mit so viel persönlicher Distanz, und so viel Rationalität und Verstand betrachtet, wie irgend möglich. [In der Theorie ein Absoluter Begriff der Subjektivitätslosigkeit, in der Praxis die Bemühung, der Theorie so nah wie möglich zu kommen.]

 

Utopie – die noch nicht umgesetzte, nicht mehr existente, oder auch unumsetzbare Idee einer gesellschaftlichen Lebensform. Für mich sind Utopien sowohl inhaltlich, als auch effektiv etwas Positives, da mir nicht verständlich ist, wieso ich auf apokalyptoide Zustände hinarbeiten sollte, doch das ist eine persönliche Präferenz. Utopien sind Objektivität sehr ähnlich: es ist toll, sie zu wahren, auch wenn klar ist, das die einzige Aussicht auf Erfolg ist, ihr so nah wie möglich zu kommen, da ihre totale Umsetzung nur theoretisch möglich ist.

 

  Wenn ich jetzt behaupte, dass ein Konsens aus Imagination und allgemein wahrgenommener Aktion, oder vielmehr die Diskrepanz dieser beiden Welten, die subjektive Realität jedes einzelnen Menschen bildet, wird das vermutlich keine weltbewegende neue Erkenntnis darstellen, dafür aber eine Reihe spannender Bilder der Varianz oder Folge dieser Theorie in der jeweiligen Gedankenwelt des Lesers eröffnen.

 

  Objektiv betrachtet kann es keine Schönheit, nichts Bedeutsames, keine Qualität, Wertung, keinen Fortschritt geben, denn jedwede Kategorisierung bedarf einer Reihe von Grenzwerten und Bezugsgrößen. Somit könnte eine Tat auch nicht mutig sein. Eine derartige Kategorisierung bedarf nämlich der Distanzierung von diesem Moment zu einer allgemeineren Übersicht, welche die psychischen und realpolitischen Konsequenzen für die betroffenen Individuen einzuordnen und zu bewerten vermag, was wiederum eine subjektive Einschätzung der Situation ist. Nur Subjektivität ermöglicht Wertungen und Werte. Wenn das Schicksal eines Subjektes seine emotionale – also irgendwie eingeordnete – Realität erst durch die subjektive Wahrnehmung eines solchen erhält, könnte doch abgeleitet werden, dass Realität kein allgemein wahrnehmbares Phänomen, sondern Gegenstand subjektiver Sicht ist. Da Subjektivität nicht direkt wahrnehmbar ist, bleibt unser gesellschaftlicher Gemeinkonsens von Realität auf der wahrnehmbaren Aktion haften.

 

  Genauer betrachtet macht jedoch Fiktion den weitaus größeren Anteil an unserer „Realität“ aus. Denn um besser überleben, sowie schneller reagieren zu können, stellen wir uns, bewusst oder unbewusst, jeden Morgen mental auf den Tag ein, wie auch auf eigentlich jede Situation, auf die wir uns vorzubereiten vermögen. Wir machen uns ein Bild von der Welt und vom bevorstehenden Tag. Dabei greifen wir auf Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste zurück und schaffen uns somit auch eine Stimmung. So entstehen Vorfreude auf Feiertage, eine professionelle Ausstrahlung bei wichtigen Terminen und Prüfungsangst. Auch Tragik passiert also im Kopf. Sie ist Resultat der Verquickung von Gedankenwelt und real wahrnehmbarer Aktion. Da wir weder ausschließlich im Kopf als auch ausschließlich in der objektiven Welt existieren, ist die Dis- krepanz dieser Bereiche das, was wir als Realität wahrnehmen. Da wir kein Ereignis ausschließlich objektiv wahrnehmen können, sondern immer bewerten, ist der Hauptteil unserer Realitäten ein kopfgeformter.

 

  Eine dieser Bewertungen spiegelt sich in der Bezeichnung „banal“ wider. Sich mit scheinbar banalen Themen zu beschäftigen, ist ein Kunstgriff, der den Künstler (bewusst oder unbewusst eingesetzt) davor bewahren soll, kurzlebige, zeitpolitische oder gar unterhaltsame Arbeiten zu schaffen und somit von der Hochkunst abzurutschen in geschmäcklerischere Genres. Ebenso ein Kunstgriff ist es natürlich, unhaltbare Theorien als Wahrheit in den Raum zu stellen und sie im Verlauf des Textes zu relativieren oder gar zu negieren. Hierzu sei gesagt: die Wahl von banalen Themen kann natürlich auch dem Zweck dienen, die Wahrnehmung des Betrachters wieder mehr auf die kleinen und doch so relevanten Themen des Alltags zu lenken. Kunstgriffe neigen dazu, das Gegenteil dessen zu bewirken, wofür sie scheinbar eingesetzt wurden.

 

  Alltäglich, gewöhnlich, unbedeutend, durchschnittlich – dies sind Synonyme für banal. Idealistisch betrachtet prädestiniert doch genau das diese Themen zum Gegenstand der Kunst. Ist doch die Aufgabe der Kunst, allgemein Gültiges zu schaffen – wie eine höhere Instanz, an den Grenzen der Moral entlangtanzend, sich der weltlichen Politik und Alltäglichkeit zu entziehen und gleichzeitig, geistige Werte hochhaltend, fast moralisierend auf die Realwelt einwirkend, sich doch nie angreifbar zu machen. Kunst als System ist eigentlich vergleichbar mit Religion. Sie wird als unantastbar gehandelt, zeitgleich jedoch verkommerzialisiert – wird von jenen betrieben, die sie am nötigsten haben und von denen beeinflusst und vordergründig geformt, die es sich leisten können.

 

  Geistige Werte und Moralvorstellungen sind einige der Hauptpunkte, auf denen unser Menschenbild fußt. Gerade deshalb ist Kunst (in jeder Form, auch wenn es in diesem Text hauptsächlich um bildende Kunst geht) eine so wichtige Komponente gesellschaftlichen Zusammenlebens – selbst wenn ein Großteil der Bevölkerung keine Ahnung zu haben glaubt, worum es dabei geht. Unser Menschenbild ist häufig ambivalent – einerseits absolut, utopisch, andererseits fatalistisch. Zwei Zitate, die das meiner Meinung nach auf den Punkt bringen:

„I don't know half of you half as well as I should like; and I like less than half of you half as well as you deserve.“ (*1)

„Jeder schließt von sich auf andere und vergisst, dass es auch anständige Menschen gibt.“ (*2)

 

  Eine Gesellschaft lebt durch die Menschen, welche sie bilden und sie wächst an denen, die sie gestalten.

 

Gestalten – ein schöpferischer Prozess, also Aktion vorausgesetzt – kann bekanntlich jeder Mensch. Auf irgendeinem Gebiet ist jeder Mensch kreativ. An genau diesem Punkt entsteht die Frage nach Kunst und ihrer Kategorisierung. Wo Künstler zu meist Feinde jedweder Kategorisierung sind, da wir die Abwertung unserer eigenen Arbeit oder Person befürchten, verwenden doch genau wir die kuriosesten Schubladensysteme, da Kategorisierung mit Bewertung und Wertschätzung einhergehen. Gemacht werden diese Systeme von Kunstfremden – also Menschen, die von außen versuchen, sich in das grenzenlose System Kunst hineinzudenken und Wertungskriterien für Verständnis, Qualität und Marktwert auszuloten. In Grabenkämpfen um die eigene Stellung, wobei jeder Mensch und erst recht jeder Künstler doch ein Unikum ist, werden diese Etiketten zu Realitäten, sogar zu Berufen. Kleinkunst, Hochkunst, Kochkunst, Unterhaltungskunst, Kunsthandwerk, Design – die Etiketten sind manigfach, ihr Wert variiert je nach Standpunkt des Bewertenden.

 

  Dabei ist, zumindest in Deutschland, die gesellschaftliche Anerkennung politisch vorausgesetzt. Neben einer besonderen sozialgesetzlichen Behandlung von freischaffenden Künstlern ist unser Grundgesetz so kunst-, freiheits- und äußerungsfreundlich, wie mensch es sich für andere Berufsbilder nur wünschen kann. Hinzu kommt, dass in besonders rezessionsstarken Zeiten der Staat verpflichtet ist, extra Programme zur Stabilisierung der Kultur zu fördern, wie zum Beispiel verstärkt Ausschreibungen zu größeren Projekten wie Mahnmalen aufzulegen. Bedroht fühlen wir uns doch – nicht zuletzt, weil wir uns, der Schöpfungskraft jedes einzelnen Menschen bewusst, mit einer enormen Zahl von Absolventen diverser Hochschulen, Fachhochschulen, Universitäten, Akademien in unzählbaren Unterkategorien der Fachbereiche der Kunst, wiederfinden – wohl wissend, dass Der Markt nur einen winzigen Bruchteil von uns aufnehmen kann und viele von uns nach Jahren der Berufsfindung und Jahren des Studierens von anderen Einnahmequellen werden leben und ihre Kunst finanzieren müssen und daher doch wieder Probleme mit der Kategorisierung bekommen werden, da nur Künstler ist, wer den Hauptteil seiner Grundsicherung von seiner künstlerischen Tätigkeit oder dem Unterricht der selbigen erwirtschaften kann – Wirtschaft durch Ausdruck der Freiheit also.

 

  Bedroht fühlen wir uns auch, weil längst Marktforschung und Werbung den Puls der Zeit vorfühlen und so manches Design, viele Kampagnen, Musikvideos, Aktionen und Werbespots mit dem Niveau von Hochkunst und den finanziellen Mitteln einer Großindustrie auch uns als Zielgruppe fordern und uns zeitgleich mit der sinnkriselnden Frage zurücklassen, ob Kunst wirklich nicht zweckgebunden sein soll, oder wir uns vor dem richtigen Weg und der Arbeitswelt drücken.

  Als allein arbeitender Künstler ist da das Mitkommen schwer und die Präsentationsmöglichkeiten scheinen begrenzt.

 

  Grenzen wir uns also ab und bestätigen uns, dass ein Hobby ja wohl kein Studienfach wäre. Welch halbherziger Versuch! Zu Zeiten, in denen politisch eine Vollzeitbeschäftigung als Maßstab gehandelt wird, da es keine Arbeit mehr gibt, müsste doch die Auseinandersetzung mit Themen, die gesellschaftlich keinen anderen Platz haben, weil sie nicht wirtschaftsrelevant genug sind, um zu bezahlten Jobs zu werden, die Wunschkur jedweder zivilisierten Gesellschaft sein. Doch in Deutschland wird ein Grundmaß an ehrenamtlichem Engagement vorausgesetzt und findet nicht die selbe Wertschätzung wie bezahlte Arbeit. Soziales wird verlangt, doch nicht entsprechend entlohnt und Kunst aus idealistischen Gründen ist ein sozialer Akt. Wobei die Kunst doch als Ausdrucksform freien Denkens und Handelns selbst zum Sinnbild von Freiheit geworden, das moralische Gewissen der Gesellschaft beruhigt. Wo Kulturförderung stattfindet und Bildungsgutscheine ausgestellt werden, funktioniert der Sozialapparat.

 

  Und trotzdem – eine Gesellschaft ist so, wie die Menschen, aus denen sie besteht und sie wächst an denen, die sie formen, an denen die teilhaben, am Sozialen. Da ich nicht will, dass sie ist, wie ich sie wahrnehme, werde ich mehr Teil von ihr, als ich es bisher war und damit verbessere ich sie in meinem Sinn, oder ich begebe mich so tief in den Sumpf, dass ich das Gesamtbild verliere und nichts mehr zu sagen habe. Das Bild, das Künstler Einzelgänger oder Außenseiter sein müssen, ist überholt seit bekannt ist, dass jeder Außenseiter ist.

 

  Vernetzung ist das Zauberwort. Um mit unserem Beruf überleben zu können, müssen wir uns eine eigene kleine Geschäftswelt aufbauen – nicht nur Den Markt erobern, sondern ihn zum Teil vorher erst schaffen. Dabei sind wir hin und her gerissen zwischen der Faszination, was wir alles bewältigen können, dem Bedürfnis, sich einfach irgendwohin zurückzuziehen, mit einem Tischlein-deck-dich, und nichts zu tun außer zu arbeiten, und dem leidigen Präsent-sein-müssen, das andererseits die Zuwendung und Anerkennung verheißt, nach der wir ebenso geifern.

 

  Wenn wir uns schon den Markt schaffen müssen, obwohl er doch für die meisten von uns ein so leidiges Thema ist, obliegt uns doch auch hier ein gewaltiger Spielraum: Da Kunst ist, was wir als solche definieren und anerkennen, wobei der größte Gemeinkonsens bezüglich der Qualität und Tiefe einer Arbeit besteht, ist es doch zugleich unsere Pflicht, auch diese Definitionen und somit auch den Umgang mit unseren Werken, unserer Arbeit und Person, in unserem individuellen Interesse zu formen. Natürlich trägt diese Ansicht wieder ein riesiges Paket an Mehrbelastungen mit sich. Ebenso ist es aber genau der Punkt an dem wir aufhören können, gegen die Windmühlenflügel veralteter oder unzutreffender Kategorisierungen zu kämpfen.

 

  Wenn Kunst etwas politisch subventioniertes ist, liegt sie theoretisch auch im gesellschaftlichen Interesse. Somit gibt es für uns keine Möglichkeit, Kunst unpolitisch zu schaffen, sofern wir davon ausgehen, dass nicht gezeigte Kunst quasi nicht existent ist, weil sie erst durch den Kontakt mit Rezipienten vollendet wird. Wir leben in einer Zeit, in der nichts mehr klar oder gewiss ist, wo wir nach einem Halt suchen. Trotzdem bemühen wir uns um Freiheit im Denken und in unseren Arbeiten. Dieser schwer auszuhaltende Trapezakt ist für sich schon ein spannendes Bild.

 

  Selbst Kunstfremde sind sich ihres Einkommens ungewiss. Es gibt zusehends weniger Vollzeitstellen, weniger unbefristete Arbeitsstellen, Sanktionen für Kultur- und Bildungseinrichtungen, wenn bestimmte Wachstumsquoten nicht erfüllt werden können. Unser Bildungssystem kränkelt so stark, dass in Ballungsgebieten die Schüler, wenn möglich, auf Privatschulen geschickt werden. An Rente glauben bereits Generationen nicht mehr. Auch der Europäische Raum scheint politisch einem Umbruch entgegen zu laufen. Das Bundesverfassungsgericht redigiert ein Gesetz nach dem anderen, weil sie verfassungswidrig unsozial gestaltet wurden. In Bezug auf Wirtschaft, Politik, Finanzen und Umwelt fühlen sich viele Horrorszenarien wahrscheinlicher an, als die Aussicht auf Stabilisierung oder gar Besserung. Ein Umbruch findet bereits statt – wir haben ihn nur noch nicht begriffen. In jedem Lebensbereich muss Der Verbraucher selbst recherchieren, kontrollieren, Vorsorge treffen und vergleichen. Es scheint, als könne keinerlei Verantwortung an Fachpersonal abgegeben werden und die Last der Verantwortlichkeiten ist schier überwältigend. Dabei wollen die meisten Menschen, meiner Meinung nach, einfach leben: einen Platz in der Gesellschaft einnehmen, gebraucht werden, sich einbringen dürfen, lieben dürfen, teil haben und sich und ihr Umfeld weiter entwickeln. In Krisenzeiten mit „kriegsähnlichen Zuständen“ gestaltet sich das schwer.

 

  Doch glücklicher weise haben wir den besten Beruf der Welt: als Künstler haben wir nach gesellschaftlicher Auffassung das Privileg, egozentrische verschrobene Freigeister mit einem Hang zur Selbstverherrlichung und Selbstzerstörung zu sein, den Kopf in den Wolken, das Herz vor den Augen und Farbe an den Fingern.

 

  Eigentlich ist der Beruf mit „Freigeist in Mitten der Gesellschaft am Rand der Gesellschaft“ beschreibbar. Doch auch wir nehmen die Zerreißprobe wahr – manche mögen meinen: „gerade wir!“, und versuchen trotz häufig mangelhafter Selbstorganisation, dem Privileg und den Erwartungen gerecht zu werden.

 

  Wir leben in einem Arbeitszwang. Die Welt funktioniert für uns über ein Leistungssystem, welches uns anerkennt, wenn wir schaffen, aber nicht anerkennt, was wir schaffen – häufig nicht einmal, dass wir schaffen, solange wir nicht bemerkt nicht schaffen. Die Welt funktioniert also nicht. Oder sie funktioniert nach dem System des Nicht-richtig-bestrafens bei Nichterfüllung der nicht-definierten Erwartungen, bei zeitgleichem Abstrafen der Wahrnehmung des Nicht-Arbeitens.

 

  „Anything goes“ ist viel mehr ein „Nur Spießer halten sich an Regeln“ geworden und führt zur Haltlosigkeit und Isolation des Individuums und somit zur zusammenhaltlosen Gesellschaft.

 

  Diese Ziellosigkeit untergräbt die Moralität des Handelns und führt (wie bei Byung-Chul Han beschrieben) zu einem permanenten Gefühl der Müdigkeit in unserer Gesellschaft.

 

  Die Zwecklosigkeit allen Seins entspricht und widerspricht unserem Konsumverhalten und findet sich natürlich auch in der Kunst wieder. Besonders hier ist spürbar, dass eben nicht anything goes, sondern manche Regeln – trotz menschlicher Krise – sehr wohl Gültigkeit behalten.

 

  Da Kunst ohne übergeordneten Sinn nur den Selbstzweck der Kombination von Ästhetik und hintergründiger Wahrheit beziehungsweise Sinn und Wesen lebendigen Seins hat, gilt sie manchmal auch als ein Medium der Demokratie. Vor allem ist sie Ausdruck von Freiheit und menschlichem Potenzial. In unseren Kulturkreisen wird Freiheit häufig mit dem Fehlen von Grenzen und Einschränkungen gleichgesetzt, weshalb Grenzlosigkeit und somit eine gewisse Maßlosigkeit von Der Kunst erwartet wird.

 

  Ich rede hier von Manifestationen wie Der Künstler, Die Kunst, Der Markt. Nichts davon gibt es in dieser Form: weder Künstler, die statt einem Klischee wirklich ihrem Durchschnittskollegen entsprechen, noch etwas, das langfristig, unumstritten als Kunst definiert wird und somit einen Maßstab für die Definition von Kunst bieten könnte, noch „einen“ Markt. Es liegt im Wesen freiheitlicher Ausdrucksformen, dass es keine klaren Grenzen gibt und ein steter Wandel stattfindet. Es ist absolut kunstfremd, durchschnittlich zu sein. Und ein Markt schließt immer nur eine begrenzte Gruppe von Produkten und Kunden ein.

 

  Grenzlosigkeit und Maßlosigkeit werden von allen Beteiligten erwartet, eben so Novitäten. Jahrhunderte lang war ein Porträt in Öl Kunst. Wenn meine Bilder aussehen, als könnten sie ebenso gut 40 Jahre früher entstanden sein, ist die Kunsthaftigkeit fragwürdig, selbst wenn das Bild ohne zusätzliche Angaben betrachtet, seinen Gegenüber einfach bewegt. Das liegt unter anderem an der Erweiterung der kollektiven Erfahrung in unserer Kultur und ihrem, Dank Reisen, Mobilfunk und Internet, rasanten Wachstum. Es gilt jedoch, bei aller Maßlosigkeit, präzise zu bleiben.

 

  Ohne konkrete Aussage, ohne konkrete Intension, kann eine Arbeit nicht rund werden oder Tiefe erlangen. Ohne ein Mindestmaß an Präzision in der Formulierung ist ein Werk so vieldeutig und ungreifbar, dass es der Unverständlichkeit anheim fällt, wodurch es Müll wird. Ohne Deutungsspielraum wird es Propaganda.

 

  Zudem sind einige Arbeiten politisch ambitioniert, andere eher nicht. Wenn Kunst nicht zweckgebunden sein soll, um nicht instrumentalisiert zu werden, schließen sich natürlich auch politische Arbeiten aus. Der Versuch, sämtlichen Mehrzweck aus den Werken zu nehmen schafft auf Dauer die Exklusivität, sowie den Werkzweck selbst ab.

 

  Idealisten sehen ihre Utopien als eine Art Realität. Nur wenn ich ein Soll zu einem gewissen Grad als Ist definieren und sehen kann, ist es mir möglich, auf diese Utopie hinzuarbeiten und mich und die Welt in meinem Sinn zu formen und zu verbessern. Ohne diesen Wahn wäre eine Utopie eher ein Wahnwitz und könnte kein Handlungskatalysator mehr sein. Das Problem ist, dass wir – besonders in Zeiten der Unsicherheit – zur Maßlosigkeit neigen und bei Zeiten das Soll in Gänze zum Ist erklären. Wenn dies geschieht, filtern wir alle Gegenimplikatoren als „Ausnahme, welche die Regel bestätigt“ aus und es kommt zu so himmlischen Weltbildern wie: Es gibt keine neonationalistische Szene in Deutschland.

 

  In der Kunst ist eine dieser Grenzideen: Ich kann ein Kunstwerk frei schaffen, ohne dabei an die Verkäuflichkeit, den Transport, die Lagerung zu denken. Um freie Kunst zu schaffen, ist diese Idee wichtig. Zu häufig funktioniert dieses Prinzip allerdings nur in gewissen Phasen des Schaffensprozesses.

 

  Wenn mich etwas aufregt, muss ich es sagen. Wenn mich etwas anregt, will ich es mitteilen. Herausforderungen spornen mich an, über mich selbst hinauszuwachsen und neue Seiten an mir und der Welt kennen zu lernen. Meinen Anteil zum gesellschaftlichen Miteinander trage ich bei durch Kunst. Denn Kunst hat, meiner Ansicht nach, die Möglichkeit, die gefühlte Realität einer Gruppe der Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit, widerzuspiegeln. Kunst ist eine Kommunikationsform, welche über die Emotion zum Verstand gelangt und somit Sachverhalte ausdrücken kann, für die Worte zu vage sind.

 

  Zudem kann Kunst auch dazu anregen, dass sich der Betrachter (wieder) mit anderen Themen auseinandersetzt. Dadurch dass er die Möglichkeit hat, von einem neuen Standpunkt aus mit einer Thematik konfrontiert zu sein, ergibt sich die Chance, sich neu oder anders mit den betreffenden Sachverhalten zu beschäftigen, vielleicht sogar konträr zu seiner bisherigen Meinung zu argumentieren. Kunst kann meiner Meinung nach an diese Katalysatorfunktion herankommen.

 

  In meiner Arbeit versuche ich mich im Umgang mit Ist- und Sollzuständen. Es geht mir um Fragen nach den Mechanismen menschlichen Zusammenlebens: Was ist uns wichtig? Was ist uns heilig? Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit unseren Werten um? Wie setzen wir Wertigkeiten? Wie kommunizieren wir? Was ist für uns real? Wie gehen wir mit Krisensituationen um und woran erkenne ich, welche Entscheidungen wirklich hinter einer Aktion stehen? An diesem Punkt formuliert sich mein Master-Thema: Meine Theorie ist, dass Realität sich aus der Diskrepanz dessen bildet, was wir als nachempfindbare Aktion wahrnehmen können, und dem, was wir uns vorstellen, unseren Utopien, unseren Paranoia, unseren Erfahrungen, unseren ganz individuellen Filtern. Es geht mir um Selbstverständlichkeit und ein Bewusstsein für die Beeinflussbarkeit unserer Realität - um Werte und Wertigkeiten. Störungen, Kontraste, Brüche, Farbe und Spannungen sind meine Medien, um mein Empfinden von der Schönheit dieser Welt und der Turbulenz menschlichen Seins, zu transportieren. Aktion als Diskussion mit der Welt.

 

  Ein wichtiger Aspekt in meinem Schaffen ist die Wahrhaftigkeit von Fotografie. Obwohl wir uns der Möglichkeiten der Bildmanipulation bewusst sind, trägt ein Foto noch immer diesen Hauch von Wahrheit und Realität mit sich. Schließlich kann mensch trotz all der Technik bei Fotos nur mit dem arbeiten, was real verfügbar war. Eben deshalb gestehen wir aber kaum einer gelungenen Fotografie mehr zu, dass sie ohne Bildbearbeitungsprogramm gefertigt sein könnte – schließlich nehmen die meisten Aufnahmegeräte bereits eine Verschärfung der Kontraste und Erhöhung der Farbintensität vor. Die Kameras lösen von allein aus, wenn der Sensor ein „Lächeln“ wahrnimmt. Viele Bilder entstehen schon teilmathematisch: Da die Sensorpunkte für die drei Grundfarben nebeneinander angeordnet sind, müssen die Feinheiten zwischen den wahrgenommenen Sensorwerten stochastisch ergänzt werden, weshalb manche digitalen Bilder von vornherein schärfer wirken, als die Kamera es vermuten ließe. Dabei ist doch jede Menge „Manipulation“ im Sinne von „Steuerung“ schon bei der Bilderstellung möglich.

 

  Für meine Fotos nutze ich ausschließlich die Möglichkeiten der manuellen Einstellungen an meiner Kamera, sowie die Charaktereigenschaften meiner Druckmaterialien. Sofern nicht anders ausgewiesen (zum Beispiel „Strelitz – rot“), verwende ich Bildbearbeitungsprogramme lediglich zum Beschneiden meines Formates auf Panorama oder auf fast quadratisch. Druckabriss und Mehrfachbelichtung erstelle ich also nur über die Hardware. Es gibt in den Arbeiten nur kleine Hinweise darauf und vermutlich bemerkt es kaum jemand. Für meine Auffassung von Wahrhaftigkeit ist es jedoch wichtig. Ein Druckabriss, der sich durch die Kombination aus natürlichen Umständen und angewandtem Handwerk ergeben hat, sieht ein wenig anders aus, als ein künstlich hinzugefügter. Wenn ich in meinen Fotos versuche, zu sehen, was vom Rest der Umgebung überstrahlt wird und daher zu dunkel ist, um von mir mit bloßem Auge erkannt zu werden, dann muss ich meinen Fokus auf das für mich Unsichtbare legen, um Schärfe im Bild zu haben, und die Grenze finden, zwischen dem was ich finden, und dem was ich ausblenden will. Theoretisch funktioniert das am Computer genauso, doch praktisch bekomme ich in der direkten Umsetzung andere Informationen. Ebenso laufe ich nicht Gefahr, das Bild zu sterilisieren, was meines Erachtens den Unterschied zwischen Kunst und Design tangiert: Im Design bemühe ich mich um die Reduktion der Reize auf das vordefinierte Maß eines reproduzierbaren Objektes oder Bildes. In der Kunst kann ich durch schlecht reproduzierbares Rauschen eine ganz andere Tiefe und daher einen anderen Realitätsbezug herstellen. Diesen wiederum benötige ich, um die Barrieren zwischen dem Betrachter und meinem Werk zu schwächen, damit es ihm schwerer fällt, eine Distanz zu der Botschaft aufzubauen.

 

  Wenn ich ein Stück wirkliche Welt betrachte, mich auf einen Aspekt konzentriere, und diesen in einem Bild festhalte, entstehen durch die isolierten Momente seltsam surreal wirkende Eindrücke. Vordergründig surrealistische Bilder hingegen suggerieren einem eine Fiktivsituation, sind aber realistischer, weil sie den Mantel des Möglichen lüften und die Realebene, dass das Abgebildete nicht real ist, aktivieren. Der Unterschied steht also in der Frage des Unwirklichen an der Wirklichkeit zum Wirklichen des Unwirklichen.

 

  Wenn mir ein Bildgegenstand nicht fotografierbar scheint, gibt es noch immer die Möglichkeiten von Malerei, Grafik, Objekten, Installationen und alle Techniken, die zu deren Erzeugung zur Verfügung stehen. Im Endeffekt ist es egal, welcher Kategorie mein Schaffensprozess zugeordnet werden kann – ich schaffe Bilder. Mein Verständnis von der Welt liegt meinen Schöpfungsprozessen zu Grunde, weshalb sich bestimmte Mechanismen wiedererkennen lassen: So sind es bei mir Fläche und Farbe, welche die Stimmung tragen und Linien formen den Charakter eines Bildgegenstandes. Grafische Elemente sind die räumliche Komponente, weshalb es mir auch relativ leicht fällt, gedanklich zwischen Linien und Räumen zu springen, während Flächen sich logisch ergänzen, da sie das beschreiben, was im Raum zwischen den Linien stattfindet. Farbe ist dabei wie die Grundsubstanz des ganzen – wie ein psychischer Stempel der Herkunft. Manche Linien kann ich in bestimmten Farben einfach nicht ziehen.

 

Rico. , 2013

 

Ausländer

   Ausländer – es fällt mir ziemlich schwer, mir jemanden vorzustellen, auf den dieser Begriff zutrifft. Er ist wie eine fremde, unverständliche Vokabel, die ich mir einpauken muss, um den morgigen Test in der Schule zu bestehen, wobei ich den praktischen Nutzen des behandelten Stoffs nicht 'mal erahnen kann.

   Wenn wir in Mecklenburg von „den Ausländern“ reden, wen meinen wir dann? Meine Eltern sind in Mecklenburg geboren, doch ihre Elten stammen unter anderem aus Böhmen und Polen – irgendwie sind sie also auch Zuwanderer gewesen, so wie viele andere auch. Hier gibt es keine Ureinwohner. Acht Jahre lang habe ich zur Ausbildung die Region verlassen, in der ich aufwuchs. Nun bin ich mit viel Skepsis zurückgekehrt. Bin ich fremd? Bin ich ein Zuwanderer?

   Was ist denn fremd? Dass wir keine Zeit mehr haben? Dass das Geld für Technik reicht, aber einheimische Lebensmittel uns nicht gut genug oder zu teuer sind? Dass wir uns durch optische und akustische Dauerbeschallung mit Werbung, Musik und Kommentaren derart betäuben lassen, dass ein ruhiger Moment oder ein klarer Gedanke uns total aus der Bahn werfen?

   Mach das Handy über Nacht aus. Schalte Radio, Computer und Fernseher ab. Nimm die Stöpsel aus den Ohren und höre für 20 Minuten auf die Stadt, auf deine Wohnung, auf deinen Körper. Atme durch und sprich mit deiner Familie. Dann merkst du, was fremd ist und du freust dich über Ablenkung aus dem In- und Ausland.

 

Rico. 13.12.'14

 

Der Sinn

 

von Kunst Kunst für Künstler – oder zu mindest Kunst für Kunstinterne – ist möglich seit wir eben so viele Kunststudenten vorweisen können, wie Mathematikstudenten. Wohin mit all den Kunststudierten, wenn nicht als Publikum für ihre eigenen Kollegen? Wenn wir ehrlich sind, bilden wir eher Kunstrezipienten als Kunstschaffende aus – wenn auch mit dem gegenteiligen Ziel und daher nur ungenügend. Der Markt, auf dem ein Großteil der studierten Künstler von seinem Beruf leben kann, muss erst noch wachsen. Dabei sprechen wir nicht einmal von denen, die in ihrer Freiheitsliebe eher direkt in den Beruf einsteigen, als auch nur über ein Studium nachzudenken und somit häufig berufstauglicher sind, als einige Master-Absolventen. Wieso also nicht Kunst für Kunststudierte schaffen? Kunst, die Kunst zitiert, sich auf theoretisch-abstrakte Grundlagen bezieht und erst nach mindestens drei Semestern Kunstgeschichte, Philosophie und Grundlagentechniken, theoretischer Kompositionslehre und Mathematik eingeordnet werden kann? Ist nicht die attraktivere Variante dazu sich im Markt zu manifestieren das Produktdesign? Geht es bei Kunst um den Markt? Geht es darum anzustoßen, verstanden zu werden, davon leben zu können, den Markt zu dominieren, oder den Markt zu umgehen? Suchen wir das Schöne? Erstellen wir interessante Bilder für die Wand hinter oder über der Wohnzimmercouch? Ist die Ausstellung in der Kreissparkasse ein Garant für Handwerklichkeit?

 

Rico. , 2011