Off-Raum-Galerien

 

Wovon lebt Kunst und wovon leben Künstler?

Unter anderem lebt beides von der (und nebenbei auch für die) Kunst. Dafür allerdings muss Kunst – alte wie neue – sichtbar sein. Der öffentliche Raum, Museen, Galerien, sowie Sonderausstellungsräume sind dafür gedacht: trockene Räume mit zumeist weißen, glatten Wänden, Hängemöglichkeiten und einstellbarem, weißem Licht. In Mecklenburg-Vorpommern sind eher Off-Räume anzutreffen – also Ausstellungsräume, deren Vorzüge im Charme der Stätte statt in der klimatischen Eignung liegt, und wo oft die Kunst in ihrer Platzierung die weitere Nutzung der Räumlichkeiten nicht behindern darf. Daran ändert auch der Namenszusatz „Galerie“ nichts.

Off-Räume bedeuten die Möglichkeit, den Arbeiten eine weitere Bedeutungsebene durch ihre bloße Präsenz am Ort zu geben. Ebenso sind Interventionen mit den örtlichen Gegebenheiten naheliegend. Beides birgt das Risiko, dekorativ, plakativ oder ungewollt politisch zu werden. Der Zwang mit dem Raum zu interagieren gibt den Ausstellungsmachern nicht nur Chancen. So können Kuratoren viel stärker in die Werke der ausstellenden Künstler eingreifen, wenn diese erst durch den Aufbau fertiggestellt werden. Die Bedingungen der Kunst in einem kunstfernen Raum sind andere, als die der „Kunst im Kontext“-Räume der Museen und Galerien, die eine „Kunst der Kunst wegen“ ermöglichen. Der Kontext der Werke, die Lesbarkeit der Ausstellung, der Verhaltenskodex der Betrachter – all dies muss stets aufs Neue verhandelt werden. Nicht immer wird das von den Ausstellungsmachern kommuniziert.

Aus einer Überforderung heraus ziehen sich die Menschen zurück zu Unterhaltung, Kaffee, Kuchen, Postkarten. Es fehlt vielerorts an Raum für Diskussionen – oder vielmehr an fachlich bewanderten Diskussionspartnern und vielleicht auch Moderatoren,

 

Wenn Kunst also Katalysator für Gedanken sein soll, der Raum für die Auseinandersetzung aber fehlt und, unter anderem deshalb, die Rezipienten ausbleiben: gibt es eine nennbare Menge an Menschen, die eine Ausstellung gesehen oder an ihr teilgehabt haben muss, damit „sich die ganze Sache überhaupt lohnt“? Wie schaffen wir es, unserer Gesellschaft diesen „anderen Blickpunkt“, diese verquere Sicht auf die Welt zu erhalten?

Rico. 2017-8.6.2018 _ Vorwort zur Publikation "in Mecklenburg"

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