der Streit

> Was meinst du? Sollen wir das machen?

< Haben wir eine Wahl?

> Ich hoffe doch schon!

< Wenn wir das nicht tun, lassen wir das gesamte Team hängen.

> So viele sind nicht mehr übrig. Neben uns bleiben noch drei, an denen alles hängt.

< Sollen die jetzt auch noch unseren Part tragen?

> So sehr ich auch Lust darauf habe, übersteigt der Aufwand meine Kapazitäten bei weitem. Finanziell und energetisch ist das ein Selbstmordkommando. Allerdings: machen wir es nicht und sollte das Projekt damit scheitern, können wir den Ruf des Hauses vergessen.

< Also: keine Wahl.

> Nur indirekt: neue Einkommensquelle suchen und mit unseren Idealen brechen, oder kaum bezahlte Selbstausbeutung mit undankbaren Geldgebern, die sich alles auf die Fahne schreiben.

< Woher willst du wissen, dass sie undankbar sind? Sie wissen vermutlich nicht, wie unrealistisch ihre Forderungen sind. Und wir haben es ihnen nicht gesagt. Außerdem wollen wir auch, dass das Projekt stattfindet.

> Schon, ich weiß nur nicht, ob wir es uns leisten können.

< Wenn das Haus jetzt einen Rückzieher macht, oder andere Forderungen stellt, machen wir uns in der ganzen Stadt unglaubwürdig. Außerdem können wir niemandem plausibel erklären, warum es beim letzten Mal mit ähnlichen Mitteln geklappt hat!

> Es ist Mai und wir führen diese Diskussion bereits zum dritten Mal in diesem Jahr.

< Was kann ich denn jetzt dafür?

> Wir hatten doch beschlossen, unter derartigen Umständen nicht mehr arbeiten zu wollen. Wie sind wir denn schon wieder in so eine Situation gekommen?

< Während ein Teil der Gruppe gerade in einer Sitzung beschlossen hat, dass das zukünftig anders zu regeln sei, hat ein anderer Teil in einer Sitzung mit den Geldgebern nicht wehement protestiert.

> Wenn mein Recht, selbst zu entscheiden, wie ich mich ausbeute, von Kollegen unterwandert wird, indem einfache Entscheidungen über die Teilnahme an Aktionen, durch nicht-Einhalten und nicht-Kommunizieren bestehender Absprachen, zu Grundsatzentscheidungen über den Erhalt meines Arbeitsumfeldes oder meiner Einkommensquellen werden, stresst mich das.

< Du kannst dich frei entscheiden.

> Zwischen meinen Werten und meiner Gesundheit.

< Ich muss die selbe Entscheidung treffen und es passt mir genauso wenig. Aber dein Gejammer bringt uns auch nicht weiter, sondern kostet nur mehr Kraft.

> Es geht um die Grenzen unseres sozialen Systems.

< Es geht um die Grenzen unserer Kraft und meine Nerven sind am Ende. Ich zieh' das jetzt durch, so gut ich kann, und dann will ich meine Ruhe haben.

> Vor vier Projekten hast du mir etwas ähnliches gesagt.

< Na, toll. Wie entscheidest du dich? Jammern und trotzdem machen, oder Kollegen hängen lassen und die Kontakte zu denjenigen vermeiden, für die wir das Projekt machen?

> Wir müssen das nochmal im Team besprechen.

< Wir haben keine Wahl. Wir bekommen nicht noch mehr Mittel. Unsere einzige Chance wären mehr Mitstreiter, sodass die Belastung für den Einzelnen nicht so groß ist.

> Also einige wenige, die etwas Geld bekommen, und viele andere, die gar nichts kriegen.

< Ich bin nicht dein Feind. Ich habe mir das Prinzip auch nicht ausgedacht.

> Machst du mit? Ich meine nicht „generell“, sondern bei diesem Projekt.

< Ich lasse die anderen nicht hängen.

> Sie haben uns hängen lassen, indem sie diesen Konditionen nachgegeben haben.

< Sie dachten, das Kernteam sei 18 Personen stark!

> Sind es also die anderen – das nicht-teilnehmende Team, das uns hängen lassen hat?

< Warum siehst du überall Gegner? Niemand hat dich hängen lassen. Alle haben getan, was sie für das Beste hielten. Und ich will nicht mit dir streiten. Lass mich arbeiten.

> Du machst also wieder mit.

< Was soll dieser enttäuschte Ton? Und warum drängst du mich immer dazu, Positionen einzunehmen und verurteilst alle anderen, während du noch keine Stellung bezogen hast?

> Ich war gerade im Entscheidungsprozess und wollte mit dir reden, um herauszufinden, wie ich am besten weiter machen kann.

< Aber es kostet meine Kraft.

> Ich weiß überhaupt nicht warum wir streiten.

< Weil du immer der Meinung bist – und hier möchte ich dich sinngemäß aus unserer letzten Auseinandersetzung zitieren: der Umfang ehrenamtlicher Leistung als Systemmängel kompensierendes Mittel stünde zur Disposition. vielleicht sollten wir Projektsiegel einführen – so ähnlich wie Bio oder fairtrade --> Dabei ist die zu treffende Entscheidung, ob du deinem Idealismus folgst, oder wirtschaftlich denkst.

> Meiner Miete und der Tankstelle ist es egal, ob ich aus idealistischen Gründen vor ehrenamtlicher Arbeit nicht zum Schlafen komme, oder aus ideellen Gründen das Haus gefährde!

< Du glaubst tatsächlich, du würdest durch nicht-Teilnahme irgend etwas im sozialen System ändern? Wenn die Projekte sterben, merken das nur diejenigen, für die wir sie machen – und im schlimmsten Fall nicht einmal die.

> Wenn es so sinnlos ist, was wir tun, warum machst du es dann?

< Weil es nicht sinnlos ist! Jeder Mensch, der mit diesem Projekt in Kontakt kommt, wird ein wenig beeinflusst und durch die Summe der Projekte prägen wir die Kultur dieser Region.

> In der Zeit, in der ich mich in diesen Projekten engagiere, kann ich keiner anderen Tätigkeit nachgehen. Die Förderungen decken nie den gesamten Aufwand – zum Beispiel den Prozess der Antragstellung. Ich kann mir das nicht mehr lange leisten.

< Dann sollten wir doch lieber darüber reden!

> Aber es läuft auf's selbe hinaus: Ich bin bildender Künstler! Alle erwarten immer, dass Kunst frei sein muss und damit bleiben die Kosten bei den Kunstschaffenden hängen. Von Wirtschaftlichkeit kann kaum die Rede sein.

< Aber Kunstfreiheit bezieht sich überhaupt nicht auf die Kosten!

> Wann warst du zum letzten Mal in einer künstlerischen Ausstellung? War es zeitgenössische Kunst? Starre Arbeiten oder Performance? Wie viel Eintritt hast du gezahlt? Wie lange warst du da? Gab es auch andere Besucher?

< Also, Eröffnungen sind ja immer kostenlos.

> Okay, Gespräch beendet.

< Ich wollte schon lange mal fragen, was du so beruflich machst.

> Projektarbeit.

< Quatsch.

 

 

 

Rico. - Mai 2016

 

03:41

Es ist drei Uhr einundvierzig. Ich sitze wach in meinem Bett. Vor Stunden wollte ich mich schlafen legen. Seit dem starre ich an die Wand. Manchmal kriechen die Lichter von Autoscheinwerfern durch das Zimmer und Geräusche von Hunden und Menschen platzen scharf in unsere Wohnung. Habe ich schon geschlafen?

 

Ich sollte aufstehen, einen Schluck trinken. Es ist drei Uhr vierundfünfzig. Ich möchte mich umdrehen, dir einen Kuss geben, dich in den Arm nehmen und deine Wärme spürend endlich einschlafen. Schlafen. Fallen, in die weiche, wohlige Gewissheit: „Du bist da. Ich bin da.“ Seit ein paar Tagen bin ich nicht mehr existent. Es gibt nur noch Leute! Leute, die mir Entscheidungen abverlangen, Leute, die nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen, und den ganzen Rest, für den das Leben weiter geht ohne auch nur die Ahnung davon zu haben, für wie viele Menschen in ihrer Umgebung es nicht so ist.

Von mir gibt es noch diesen Widerhall – ich muss eine Egozentrik ausstrahlen, die mich schon bei jedem anderen ankotzen würde. Aber egal wie oft ich „ich“ denke – es bringt mir das Gefühl nicht zurück, zu wissen wer ich bin, wo ich bin, was ich kann, wer ich sein will. Es gibt nur noch abstrakte Hochglanz-Bilderfetzen davon wie die Welt ist oder sein sollte. Vielmehr fülle ich diesen Körper jeden Tag mit Aggression an. Ich will das nicht, doch alles nervt.

 

Als ich mir 'was kochen wollte, hätte ich beinahe deine Tasse abgespült. Auf dem Rest Tee hat sich ein irisierend Film gebildet der randseitig fluffig weiße Inseln trägt. Sie bilden einen Smiley.

 

Es ist fünf Uhr siebenundzwanzig. Ich habe seit achtzehn Stunden nichts mehr getrunken – seit unserem tollen Abendessen vor vier Tagen nichts mehr gegessen. Ich sollte aufstehen. In zwanzig Minuten klingelt der Wecker. Zu sterben ist verdammt schwer. Warum hast du das ohne mich gemacht?

 

 

 

Rico. - Okt. 2014

 

Datenhandel

Wie müssen wir uns zeitgenössischen Datenhandel vorstellen? Lauft der Vertrieb per Chat?


( Klopfklopf. )-
-( Hallo! Das Gleiche wie immer? Gemischtes Hack zu 500 ? Darf es heute etwas mehr sein? Wir hätten auch Sortiertes im Angebot: Schwein? Rind? Kann ich sie dafür begeistern? )

 

 

Rico. - Dez. 2016

 

Tschüss, Theo.

„Und das hat er sich ganz alleine ausgedacht – obwohl er im Rollstuhl sitzt!“

Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Normaler Weise hätte ich Theo jovial an den Oberarm gestupst und etwas wie: „Na, da ist es ja gut, dass du dir nur die Beine gebrochen und nicht auch noch den Kopf angeschlagen hast!“, von mir gegeben. Doch der Ausruf der Begeisterung stammt von seiner Mutter und ich halte mich zurück. Theo grinst mich trotzdem an. Er kommt jetzt seit einem Jahr in meine Kurse und hat offenbar gelernt, mir derartige Bemerkungen vom Gesicht ablesen zu können. Als die Frau ihren Sohn so verschmitzt grinsen sieht, wird ihr Strahlen noch breiter. Sie ermahnt Theo, sich zu verabschieden. Er gibt mir die Hand, ich ihm seine Mütze: „Tschüss.“, „Bis nächste Woche, Theo. Ich freu' mich schon darauf.“

Sie ist bereits dabei, das Gebäude zu verlassen.

 

 

Rico. - Dez. 2014

 

Hochwertige Manufakturprodukte

Europa (dpf) Wer noch in letzter Minute Weihnachtsgeschenke besorgen muss, oder bereits an Ostern denkt, wird sich über diesen Tipp freuen: Handgefertigte Kleintierlederprodukte zu kleinen Preisen.

Bereits vor zwei Jahren hatte Werner Frischmann, damals Leiter der Zootierhandlungskette Futtertrog und Vorsitzender verschiedener Tierheime und -schutzvereine, angefangen, aus

einer Not eine Tugend zu machen: Die Verarbeitung verstorbener Tiere zu Leder und Halloweendekoration.

„Immer wieder sterben Futtertiere, bevor sie ihrem Zweck zugeführt werden können – dafür gibt es

verschiedenste Gründe.“, erklärt Frischmann. Defekte Klimaanlagen, inkompetente Praktikanten, durch zu euphorische Kunden produzierter Stress, seien nur einige davon. Hinzu käme die ohnehin geringe Lebensdauer von Nagetieren, gekoppelt mit Spielekonsolen statt Haustieren zum Weihnachtsfest!

Die Verschwendung von Rohstoffen und verderbendem Investitionsgut wollte der engagierte Tierliebhaber nicht länger hinnehmen. „Anfangs war es nur ein Hobby“, meint Frischmann verlegen. „Doch nachdem wieder einige Zwergkaninchen an Myxomatose gestorben waren, ist mir das Fell zu schade zum Wegwerfen gewesen. Von Opa hatte ich gelernt, wie man Hasen häutet. Bei dieser Arbeit hatte ich

so viel Spaß, dass ich beschloss, es zu meinem Hobby zu machen!“, schwärmt er mit roten Wangen. Da die Entsorgung verstorbener Tiere in Verbrennungsöfen kostenintensiv ist, profitieren die Organisationen, denen Frischmann vorsteht gleich in vielerlei Hinsicht. Denn schon schnell ging er dazu über, nicht nur die Felle und Häute zu verwenden: „Ein sauberes Tierskelett ist ein großartiges Giveaway für Spender und Förderer, wird aber auch von naturwissenschaftlich Begeisterten in schwarzer Kleidung gern gekauft.“

Nachdem die Futterinsektenpopulation in diesem Herbst nicht mehr auf einem profitablen Niveau zu halten war, gab Frischmann die Geschäftsführung auf und machte sein Hobby zum Beruf.

 

„Und dann hab ich Holger gefragt. Der hat dann auch mitgemacht. Jetzt kann ich endlich wieder Tiere über's Internet verkaufen!“, erzählt der frischgebackene Handwerker.

Das Sortiment hat sich in den letzten Monaten auf sehr damenhafte Accessoires, wie feine Hamsterhandschuhe, erweitert. Auch die Internetpräsenz ist märchenhaft aufbereitet. So findet sich die „AllerleiRauh Kleiderbürste aus gestärkten Langhaardackelborsten“ neben der „Aschenbrödel Mäuschenhandtasche“.

So viel Stil und handwerkliches Geschick vereint ergeben ein großartiges Geschenk selbst für die anspruchsvolle Großmutter und den heranwachsenden Naturfreund – eben für die ganze Familie.