
Eine Geschichte von Frauen
Es begab sich einmal - gar nicht so weit von hier [1], dass zwischen Feldern und Wäldern ein Kinderheim stand. Dorthin brachte man die Zöglinge von Rebellen und Freigeistern - von jenen, die mit den richtigen Anreizen zu guten Menschen werden konnten - ein Heim für die Kindlein, die Eltern zu erziehen.
Von dererlei gab es im Reich [2] viele. Doch dieses Haus war anders: Hierher schickte man auch die Säuglinge der Frauen, die auf den Höfen wichtige Arbeit zu verrichten hatten [3]. Diese Frauen waren weit gereist, hatten ihr eigenes Leben zurück gelassen, um in diesem Reich zu dienen [4]. Da konnten sie nicht auch noch Kinder versorgen [5], von deren Vätern niemand wissen sollte [6].
Nun begab es sich, dass die Heimleiterin, eine strenge Frau, die einen knappen Haushalt führte [7], nicht all ihre Schützlinge zurück auf den rechten Weg führen konnte: einige waren zu schwach [8], andere zu unerzogen [9]. Noch bevor sie ihre Arbeit beenden konnte, kamen Eroberer und das Heim wurde geschlossen. [10]
Nun leben sie alle unter uns: die überlebenden Kinder, die Frauen aus den fremden Ländern, die Heimleiterin und die rebellischen Eltern. Und weil Raub und Feuer die Archive verwüstet haben [11], leben wir in wildem Chaos - wissen nicht, wer gut oder bös' ist und trauen uns nicht zu sprechen. Was, wenn vor uns die Falsche sitzt?
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[1] Maurinmühle, Carlow, Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland 53.780414942453795, 10.91265811290817 [extern]
[2] Deutschland 1933-1945
[3] Zwangsarbeiterinnen
[4] Sie wurden verhaftet, entführt, verschleppt.
[5] Ihre Arbeitskraft sollte voll für den jeweiligen Einsatzort ausgebeutet werden, was nicht ging, während sie Kinder versorgten.
[6] Zum Teil gerieten die Frauen schwanger in Gefangenschaft. Andere wurden unterwegs oder am Arbeitsort und selten freiwillig schwanger.
[7] Es gab mehrere schriftliche Verweise darauf, dass die Frau als grausam wahrgenommen wurde. In einem Autopsie-Bericht lässt sich ein NS-Arzt darüber aus, dass ihre Methoden sadistisch, sie, nach Regime-Ansicht, unqualifiziert und vom Landrat nur eingesetzt worden sei, weil sie „so billig haushalte“.
[8] Säuglinge der Zwangsarbeiterinnen wurden togepflegt, indem sie zB vor dem offenen Fenster in der Zugluft liegen und auskühlen gelassen wurden. In Magarine-Kisten wurden die Leichen zum Friedhof in Carlow gebracht.
[9] Es gibt einen Autopsie-Bericht eines NS-Arztes, der beschreibt, dass die Heimleiterin einen „wasserscheuen“ Jungen zur Strafe baden wollte, wozu sie zwei weitere Heimjungen zur Hilfe nahm. Dabei verstarb besagter Junge.
[10] Im Frühjahr 1948 wurde das Heim geschlossen.
[11] In den heimischen Archiven sind kaum Dokumente erhalten. Mehr ist zufällig in anderen Archiven zu finden.
2024
